• sibyllezion

Über das Verharren in Leid- und über den Mut, sich Gott anzuvertrauen.





"Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. (1.Joh 4,18, Elberfelder)

Meine lieben Freunde, liebe wunderbare Frauen Gottes,


wie erklärt man, dass Gott gut ist?

wie erklärt man, dass Jesus uns wirklich liebt?

Wie erklärt man, dass Jesus wieder herstellen will-und es tut?


Vor einer Weile hörte ich einen Podcast von John und Stasi Eldredge.

Es war ein sehr nachdenklicher Podcast*.


Sie stellten sich die Frage, ob sie eine Heilung und einen Segen Gottes versprochen hatten, die in dieser Weise nicht einfach so verfügbar sind. Nicht, wenn bedingungslose Hingabe und Beziehung nicht gesucht werden. Und ich verstand sie.


Wenn es etwas gibt, das Gott immer wieder betont, dann, dass es ihm um Ungeteiltheit des eigenen Herzens geht. Ein bisschen Gott, ein bisschen Jesus- das funktioniert einfach nicht.


Viele, viele derer, die eine lebendige Beziehung zu Gott haben und sich wirklich angenommen fühlen, sehnen sich, beten und kämpfen für das, was sich Erweckung nennt.


Doch Erweckung, echte Erweckung, ist eine Übergabe und ein Inbesitznehmen des...Herzens durch Gott, Jesus, durch den Heiligen Geist als Herrn und König.

Es ist nicht Zeichen und Wunder, Autorität, es ist nicht Massenbekehrung in Stadien. Es ist Erkenntnis, es ist Vertrauen und es ist Glaube and die vollkommene Liebe, die Gott ist.


Wir wünschen uns, dass Gott uns einfach freisetzt.

Und wir träumen davon, dass die Schatten der Vergangenheit einfach verschwinden. Wir sind bereit, dafür alle möglichen Wege auszuprobieren und streiten wie die Kesselflicker darüber, welche Lehrmeinung nun die richtige, welche die falsche und welche die heilsbringende ist.

Und während wir das tun, bleibt der wahre Segen, der Blick auf unsren Gott und seine Größe verschleiert- und das Leben, das wir führen, in weiten Teilen unter eigener Regie.


Es ist leichter, mit einem fernen Gott zu leben als mit einem, der uns einbindet, einnimmt und uns als "sein besonderes Eigentum" bezeichnet. Vor langer Zeit las ich als Kommentar auf ein Bibelspruchmeme, dass diese Stelle hervorhob: "Ich will aber nicht irgendjemandes Eigentums sein. Ich will nicht, dass jemand über mich verfügen kann, wie er will."


Aus der Antwort sprach Angst. Pure Furcht, Schrecken und ...die eigene Geschichte.


Eigentum sein.

Sich anvertrauen. Seinen eigenen Willen unterstellen. Es löst Entsetzen aus. Autorität, sich führen lassen; es bedeutet: Kontrollverlust.

Und Kontrollverlust, sein eigenes Land nicht schützen können und dürfen- es bedeutet für die allermeisten von uns Leid, Übergriffigkeit, Schmerz und Mangel.


  • Wenn Gott mich versorgt, dann tut er es ja so, wie er es will. Aber was, wenn er mich nicht sieht? Muss ich dann immer arm sein?


  • Wenn Gott mich für seine Zwecke einsetzt, bedeutet das dann, dass mir meine Freunde nicht mehr wichtig sein dürfen? Bedeutet das dann, dass alles andere zurücktreten muss, dass ich mit Traktatheftchen in der Fußgängerzone in frommer Manier stehen muss, obwohl mich nichts mehr selbst nervte als das, bevor ich Christin wurde?


  • Wenn ich Gott mein Leben anvertraue, wohin bringt er mich dann? Und welchen Preis zahle ich dafür? Was, wenn ich das garnicht will?


Wir haben Angst, wenn wir Gottes Liebe noch nicht völlig erkannt haben. Und aus dieser Angst heraus vertrauen wir uns nicht an.


Es gibt die Ahnung, dass Gott uns an eine bessere Stelle führen will. Eine, die uns Freiraum gibt, in unsren Gaben aufzuleben. Aber statt ihm zu vertrauen- versuchen wir es selbst, dorthin zu kommen. Und wenn es zu lange dauert, dann nehmen wir die Stelle an, die wir uns selbst gesucht haben- oder geben auf.

Wir haben Angst, dass Gott uns übersieht, ignoriert, gebraucht. Wir haben Angst, dass die Kleider, die er uns schenkt, uns nicht gefallen und nicht zu uns passen. Wir haben Angst, dass sein Segen einen Haken hat- und sorgen lieber vor wie der arme Kerl, der seine Kornspeicher für sich selbst füllte, statt den Überfluss mit jenen zu teilen, die nichts hatten- und sich über ihre Dankbarkeit und Freude zu freuen.

Armer, reicher, einsamer Mann.


Wenn es an unsre Geschichte geht, dann geht es um die Gründe, warum dieses Vertrauen in Gott so geschwächt ist.

Wir alle haben ein gerütteltes, geschütteltes Maß an Verletzung zugeteilt bekommen. Wir alle wurden gebrochen, enttäuscht, unserer Illusionen und Tagträumereien beraubt. Wir alle wurden gebeutelt, verletzt, entwertet. Wir alle tragen einen Rucksack, gepackt mit Enttäuschung, Scheitern, mit Mangel und mit Traurigkeit. Traurigkeit über die gestörte Beziehung zu unsrem Vater, der uns nie geliebt hat. Traurigkeit über die zerbrochene Ehe. Enttäuschung, wenn wir zurückblicken und nicht erreichten, was wir doch so voller Hoffnung und Frische mit 19 nach dem Abitur ankündigten. Die Firma konkurs, das Studium abgebrochen- die Krebserkrankung, die die Ausbildung beendete. Verfrühte Schwangerschaft, gescheiterte Ehe, Irrwege.


Und gehörten wir Jesus schon, als all diese Dinge geschahen- dann bleibt zusätzlich ein unerträglicher, unerklärlicher Schmerz.

Warum, Herr? Selbst, wenn das Satan war und nicht du, warum musste ich es erdulden, ertragen, warum musste ich diesen Schmerz tragen? Wo war denn da deine so unsägliche Liebe, deine Nähe, dein Verstehen und wundersames Eingreifen? Hätte sich der Vergewaltiger nicht das Bein brechen können, bevor er mich erreichte? Hättest du den Verkehrsunfall denn nicht verhindern können, bei dem meine beste Freundin starb?


Und warum, warum, warum???

Wir stoßen auf Schweigen- oder zumindest nehmen wir das an.


Nein, das macht es nicht leichter mit dem Vertrauen in einen unsichtbaren Gott, den wir als real wahrnehmen, aber dem man manchmal einfach gerne mal gegen den Brustkorb trommeln würde. Real. Wie Holzhacken. Um den Schmerz rauszulassen. Um den Zorn rauszuschreien.


Aber Gott, er ist ja vollkommen, so hören wir. Und es steht uns nicht zu, mit ihm zu richten. Es ist ja selbstgerecht, so zu denken. Also: Besser auf uns selbst einschlagen und diesen Schmerz vor anderen verbergen.


Und DA, genau da, meine Lieben, liegt der Irrtum, der so viele in sich selbst einschließt.


Es ist nicht wahr, dass wir Gott nicht anschreien dürfen. Es ist nicht wahr, dass wir nicht mit ihm zürnen dürfen. Es ist nicht wahr, dass wir dieses Paket stumm herumtragen müssen, mit weichgezeichnetem, frommen Gesichtsausdruck und stummen Leid.


Besonders Frauen, so der christliche Traumatherapeut und Seelsorger Dr.Dan Allender, stellen sich ihrer Wut nicht. Sie weichen aus in: Traurigkeit. Sie wählen Trauer und Depression statt Zorn und Wut und den Ausdruck derselben, weil die Gefühle nicht so einnehmend sind. Und wenn Frauen wütend werden, dann werden sie es meist auf hinterhältige Weise: Sie setzen sich aufs Klo und schmollen. Sie knallen Türen. Sie sticheln. Sie zicken. Sie setzen die schärfste Waffe ein, die sie haben: Sie gehen auf Liebesentzug und Ignoranz: "Mit dir rede ich nicht mehr".


Aber sich diesem inneren Druck zu stellen, dem Konflikt, dafür haben insbesondere Frauen schreckliche, schreckliche Angst. Warum?


Weil es nicht angemessen ist. Weil es als unweiblich und als ungezogen gilt. Weil Trotz und Widerstand mit Rebellion gleichgesetzt wird auch dann, wenn sie ein Ergebnis der eigenen Grenzen, der eigenen inneren Werte ist- eine Verletzung des Herzens.


Wut und Zorn sind nicht unbiblisch und etwas, das Jesus zuletzt unbekannt war. Ob die Tische durch den Tempel flogen, ob er mit kalter Schärfe Pharisäern antwortete oder sich entnervt die Frage stellte, wie lange er dieses unbelehrbare, kleingläubige Volk seiner engsten Freunde und Jünger "noch ertragen müsse"- es gibt viele Szenen, die dem unsäglich weichgespülten, frommen, alles erduldenden Bild des mittelalterlichen Ikonen- Christus widersprechen.

Einer solchen Persönlichkeit vertraut man sich auch nicht an. Nein. Der, dem man sich anvertraut, der muss jemand sein, dem man durch Schlachten folgen kann, dem man sich an die starke Brust werfen kann, dem man Allmacht auch wirklich zutraut.


Umso kleiner und frommer unser Christusbild ist, desto weniger trauen wir ihm zu.

Und umso weniger wir begriffen haben, wie groß sein Geschenk an uns wirklich ist, desto weniger werden wir uns trauen, in ihm zu wachsen. Wir werden versuchen, klein zu bleiben, unauffällig, uns wegzuducken vor ihm und hoffen, dass er uns irgendwie akzeptieren kann. Doch ist es das, was er uns versprochen hat? Hat er sich so verhalten? War er jemals ungerecht oder hat er jemals jemanden weggestoßen, der zu ihm kam? Aufrichtig, Hilfe suchend? Nein, das hat er nicht.


Jesus ist derselbe, und seine Kraft, dich zu heilen, ist dieselbe. Wir sehen ihn eine kleine Weile nicht, aber dafür, genau dafür wurden wir versiegelt im Heiligen Geist, der unser Beistand und unser direkter Draht zu ihm ist- weil auch er Gott ist. Durch ihn, mit ihm, in ihm sind wir mit allem versorgt, was wir brauchen. Er will uns lehren, erklären, leiten, führen, versorgen, trösten,heilen. Aber: Bitten wir ihn darum? Laden wir ihn ein, uns auszufüllen? Übergeben wir uns ihm?


Und was will Jesus eigentlich von uns? Es mag eine erschreckende Erkenntnis sein: Alles.

Er will uns, unsre Geschichte, unser Herz, unser Leben, unsre Berufswahl, unsre Finanzen, unsre Ehe, unsre Herzenshaltung, unsren Schmerz, unsre Verletzung, unsre Schwächen, unsre Sünden, unser- Leben.


Jesus will dich mit allem, was du bist. Mit allem, das du mitbringst. Er pickt nicht die Rosinen aus dem Kuchen und wirft den Teig weg.

Er will dich, aber ...dafür musst du dich ihm öffnen. Wenn du glaubst, dass du besser verbirgst vor ihm, wer du bist- dann vergisst du, dass er dich so sieht, wie du bist. Du vergisst, dass er Zorn sieht, deine Wut auf ihn. Du vergisst, dass er deine Bitterkeit sieht - und deine Tränen nachts. Du vergisst, dass er da war, als du missbraucht wurdest, als du Mangel gelitten und gemobbt wurdest, du vergisst, dass er das alles, alles weiß.


Er wartet darauf, dass du ihn bittest, dir zu erklären, warum er das zuließ.

Er wartet darauf, dass du ihn bittest wie ein Kind: "Mach das heile, Papa. Es ist kaputt. Ich kanns nicht." Er möchte, dass du deine Wut und deinen Zorn vor ihn wirfst und Antworten forderst, Weisheit, Heilung. Er will, dass du ihm vertraust. Er will, dass du begreifst, dass kein Blitzschlag dich für deine Unverschämtheit treffen wird, sondern unerwartete Liebe und Gnade.


Du kannst nicht frei sein, wenn du dich versteckst.

Weißt du, er sagt zu dir: "Hey, ich hab dich gefunden. Du kannst jetzt rauskommen. Zeig dich mir. Ich weiß, du bist nackt. Ist nicht schlimm. Ich habe dich so erschaffen. Und du bist verletzt und blutest. Lass dich verbinden."


Lauf zu deinem Vater. Er schlägt dich nicht. Er sagt dir nicht, dass du wertlos bist. Er liebt dich. Aber ihr beide...habt einiges zu klären. Und weißt du- er will dich im Arm halten. Das kann er aber nicht, wenn du in der Ecke sitzt und dich von seiner Liebe wegdrehst.


Also wüte, schlage auf ihn ein, schrei ihn an, bis du zitterst, und er dich endlich, endlich in die Arme schließen kann. Und dann....fangt an zu reden.



Ja. es war nicht fair. Nein, es war nicht perfekt. Ja, andere haben dich schlecht behandelt. Und nein, es hat Gott nicht erfreut. Dein Schmerz zählt. Und er will heilen und geben, was du nicht hattest. Lässt du es zu?


Ich hoffe es.


Sei gesegnet,

Sibylle/Zionstochter.


Sources:

Die Bibel, rev. Elberfelder Übersetzung

Dr. Dan Allender/Dr. Tremper Longman III (Hrsg.): The cry of the soul. How our emotions reveals our deepest questions about God. Navpress, 2015.

* Podcast Wildatheart: "The undivided heart". Verfügbar auf Facebook "John Eldredge & Wildatheart."

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