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Über den Mut, auf dem Wasser zu gehen

Aktualisiert: 12. März







"Was meinst du, wer von diesen dreien der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er aber sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm übte. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin und handle du ebenso!" (Elberfelder 2006*)


Meine lieben Freunde, liebe Follower,


"Wie stellen Sie sich das vor? Es ist Freitag, 11.00 Uhr! Das Amt schließt in einer Stunde...da kann ich heute nichts mehr machen, selbst wenn ich wollte!"


Der junge Mann vor mir knetete nervös seine Hände. "Sie müssen mir helfen, wirklich, ich muss hier weg, so schnell wie möglich!"



Oft hatte ich Situationen auf dem Amt, die dieser glichen. In der Regel war es so, dass die Dringlichkeit des Eingreifens dann doch nicht so hoch war, wie sie präsentiert wurde- und dass eine weitere Woche problemlos überbrückt werden konnte.

Aber irgend etwas war an diesem Tag anders. "Hilf ihm!" donnerte es in meinen Gedanken, und verzweifelt stieg ich ein in den inneren Dialog: "Ja, wie denn, Jesus? Ich bin hier an Vorschriften gebunden!" "Hier ...schon..." flüsterte es.


Ich war in keiner entscheidungsbefugten Situation, und Jesus wusste das. Er torpedierte nicht meine Arbeitswelt, aber er suchte einen ...Schlupfwinkel. In meinem Hirn begannen sich die Gedanken zu überschlagen. Wer hatte einen VW Bus? Einen Transporter? Wer konnte einspringen? Mein Herz floss über mit Mitgefühl, aber ich wusste einfach nicht, was tun. Und das letzte, was ich wollte, war Stress mit meiner Kollegin.



Ich schaute den jungen Mann schweigend an. Dann beugte ich mich ein wenig näher an ihn heran.


"Haben Sie was gegen Jesus?" fragte ich ihn und schaute ihm direkt in die Augen. Wenn Jesus auf solch deutliche Weise intervenierte...vielleicht...


Er zuckte zusammen.

"Nein, nein, garnicht!" beteuerte er, "ich bin selber Christ...zumindest...,"

Und dann brach es aus ihm heraus:

"Ich habe gestern abend eine Kerze ins Fenster gestellt. Ich habe zu Jesus gesagt:

"Wenn es dich gibt, wenn du mich noch siehst, dann bringst du mich zur einzigen Christin, die es in dem ganzen verdammten Laden geben mag!"


Ich grinste. Ich nickte.

Und sagte beiläufig: "Also, ich habe ja um 12 Uhr Feierabend. Ich kann Ihnen hier wirklich nicht helfen. Aber ich kann Sie auch nicht daran hindern, draußen auf mich zu warten und mich anzusprechen."


Er verließ mein Büro, und ich dachte:

"Ein neues Abenteuer, Jesus? Mit dir?"

Er wartete, und wir tauschten Handynummern aus. Ich gab ihm die Adresse unserer kleinen, urigen Jesus Freaks Gemeinde, und sagte ihm, er solle dorthin kommen, ich würde bis dahin versuchen, alles in Bewegung zu setzen, was ginge.

Mittags, als ich mit Jesus- wie jeden Tag nach der Arbeit- am Fluss spazieren ging, schickte er mir eine Nachricht: "So tief wie ich gefallen bin, kann Jesus mir nicht mehr helfen. Ich glaube, er hat mich verworfen." Ich textete zurück: " So ein Unsinn! Römer 8,38-39. Denk dran: Weder Engel noch Dämonen, weder Höhen noch Tiefen...wart mal ab, es wird schon alles gut. " Noch hatte ich keine Ahnung, wie die Geschichte weitergehen sollte.


Er kam, Sonntag abends, in unsere Gemeinde. Inzwischen hatten sich schon zwei, drei fleißige Umzugshelfer gefunden, die spontan bereit waren, diesem jungen Mann zu helfen. Mir eilte der Ruf voraus, dass ich manchmal solch verrückte Stories erlebte. Und nachdem ich knapp die Situation geschildert hatte, war sie ohnehin so unglaublich cool, dass sich wie von selbst ein paar eifrige Geschwister fanden, die dem Ruf folgen wollten.


Wir verbrachten einen netten Gottesdienst miteinander. Er erzählte, was los war: Dass er in eine Schlepperorganisation geraten war, dass er weg musste, bevor sie merkten, dass er weg war. Dass er Angst hatte. Wir beteten, organsierten- und in der Tat war er nur wenige Tage später in Sicherheit.

Doch das wirklich krasse, das wirklich beeindruckende sollte erst später am Abend klar werden:


Ich hatte Gebetsdienst nach dem Gottesdienst.

Er kam in unseren separaten Gebetsraum, und setzte sich zu mir. Begann zu weinen.

"Es ist nicht nur - eine Schlepperorganisation" - begann er.

Still schaute ich ihn an und nickte ihm aufmunternd zu.

"Ich..also, ich hab nur am Tresen arbeiten wollen" beteuerte er verzweifelt, "aber dann haben sie mich gezwungen, mich zu prostituieren..."

Ich fühlte, wie Jesu Barmherzigkeit ihn umfing. Mein Herz floss über, frei von Verurteilung, wartend.

"Ich- ich will zurück zu ihm, aber...es ist ja nicht nur Prostitution. Das ist ja schon schlimm genug! Es ist homosexuelle Prostitution. Das findet doch Jesus bestimmt nicht cool, oder?"

"Nein, antwortete ich ihm ungewohnt gelassen für eine solche Situation, mit einem Schmunzeln in den Mundwinkeln, "davon können wir getrost ausgehen, dass er das 'nicht cool' findet. Heiheihei, wie bist du denn da rein geraten?"


Erleichtert, nicht verurteilt zu werden, begann er seine Geschichte zu erzählen (die ich aufgrund von Persönlichkeitsrechten nicht teile).


Schließlich knieten wir zusammen nieder. Ein Sündenbekenntnis später, eine Bitte um Vergebung später, sanken seine Schultern nach unten und sein Körper entspannte sich.

"Alles gut," sagte ich lächelnd und warm, "alles wird gut. Schau, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass passiert, was passierte- dass du ausgerechnet zu mir ins Büro kommst, dass ausgerechnet jetzt Leute Zeit haben, dir zu helfen und dass du so ziemlich die einzige Beterin erwischst, die Homosexualität nicht für so verwerflich hält, dass sie vor dir zurückschreckt? Er hat dich gesehen, Jesus hat dich gesehen, und er wollte, dass du zu ihm zurückkehrst. Und dafür hat er alle Wege geöffnet und vorbereitet. Aber...vielleicht suchst du dir in Zukunft einen besseren Job, hm?"



Ich habe mich an diesem Tag unterbrechen lassen. ich bin einfach gegangen, als ich merkte, dass Jesus nahezu drängelte. Eigentlich waren die Umstände überhaupt nicht geeignet, um auf eine solche Weise zu agieren. Allein das Risiko, Jesu Namen in einer offiziellen Situation nur zu erwähnen, war hoch.

Die Ernte- war es auch. Er meldete sich noch eine Weile lang bei mir. Dankbar. Und in Sicherheit.


Wir glauben immer, um von Jesus genutzt werden zu können, müssen wir wer-weiß-was sein: 20 Bibelschulen, Theologiestudium, Seelsorgeausbildung, 18 Dienstjahre im Ältestenkreis. Sohn des Sohnes des Sohnes des Leiters. Eingebunden, gestützt, gebildet.

Fakt ist: Als diese Geschichte passierte, war ich gerade einmal 2 Jahre aus allen alten Verstrickungen gelöst, die die vorherige Esoterikzeit angerichtet hatte. Ich war jung und unbedarft, und ich hatte einfach Glauben.

"Gott, du versorgst mich, nicht dieser Job. Du bist mein Boss, nicht ein weltlicher."

Jesus hat mich niemals Gesetze übertreten lassen, aber ab dem Zeitpunkt, an dem ich ihm meine Arbeitszeit gab, passierten die unglaublichsten Dinge.

Das Schwierigste daran damit zu beginnen, Jesus' Hinweise wirklich zu erkennen, ist, das Gefühl zu überwinden, verrückt zu sein. "Ich sollte das jetzt tun!" Ein drängendes Gefühl, ein unwirklich wirkliches Gefühl seiner Gegenwart, als wäre man plötzlich in eine Geschichte geworfen und nicht mehr ganz Herr seiner eigenen Entscheidung, ist es, das jedes Mal vorausging, wenn ich wieder einmal "einen Knopf drückte", wie ich es heimlich nannte.


Ich glaube, die Angst, etwas falsch zu machen oder vielmehr die Angst, uns zu blamieren hält uns viel zu oft davon ab, seiner Stimme zu folgen. Wenn wir uns täuschen, wenn wir falsch liegen, kann das schließlich hochnotpeinlich, schwierig, vielleicht so gar lächerlich werden.


Der Punkt ist:

Was wäre mit diesem jungen Mann passiert? Er sagte, er sei in Lebensgefahr gewesen, und wir, die wir ihm halfen, glaubten ihm aufs Wort. Was wäre passiert, hätte ich dem Impuls nicht nachgegeben?


Wir unterschätzen Gottes Eingreifen in unsere Leben. Wir unterschätzen seine Realität. Es ist sicherer, eine heilige Monstranz vor sich her zu tragen, als sich, "nur, weil Jesus es sagt", auf etwas einzulassen, das sich anfühlt wie Wasser unter den Füßen. Aber es ist lohnend, und es segnend.



Ich habe lange überlegt, wie ich den Themenbereich rund um Jesus-Geschichten und die eigene Geschichte eröffne.


Ich glaube, ich gebe euch eine Übung mit auf den Weg:

Betet morgens dafür, dass Jesus euch die Welt durch seine Augen zeigen soll. Nicht durch eure eigenen, überzeugt gesetzlichen, überzeugt charismatischen, überzeugt baptistischen Augen. Durch seine Augen. Bittet darum, dass der Heilige Geist Menschen zeigt, wie er sie sieht.

Achtet auf eure Gedanken, auf euer Herz. Und segnet einfach mal jeden in Gedanken, der euch im Bus, in der Straßenbahn, im Supermarkt begegnet, mit Jesu Gegenwart. Verbringt einen Tag so, und reflektiert darüber, wie es euch damit geht.


Wenn wir Gott erleben wollen, wisst ihr, dann dürfen wir nicht darauf warten, dass wir irgendwann "fertig vorbereitet" sind. Wir müssen schon gehen, und darauf vertrauen, dass Jesus derjenige ist, der das Vollbringen schenkt- nicht wir.


Wer drinnen sitzenbleibt, erlebt auch nichts. Lasst uns wacher werden für die Verlorenen. Und folgt ihm, wenn er euch ruft. Denn er nennt uns seine Freunde, wenn wir tun, was er uns sagt. Und nichts, nichts möchte ich mehr sein als sein Freund.


Und du?

Seid gesegnet mit Hingabe und Mut,

Zionstochter/ Sibylle


Quellen:

  • Elberfelder Bibel 2006, © 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (www.scm-brockhaus.de)

  • Pixabay "See Genezareth" thx to Anna_Anouk

  • Worship: Caroline Cobb "Breath of God"


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