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Das christliche Frauenbild- und was die Erziehung junger adliger Mädchen damit zu tun hat.

Aktualisiert: 17. Sept.





Meine lieben Freunde, meine lieben Frauen,


im Mittelalter gab es etwas, das sich Spiegelpädagogik nannte.


Es handelte sich dabei um Charakterschulung durch Nachahmung, durch das Vorhalten eines Ideals. Das Ideal, das gewählt wurde, war unerreichbar hoch, idealisiert und verkörperte erstrebenswerte Tugenden, die den schlechten, eigenen Charakter ausmerzen sollten.


Sie wurde angewendet auf junge Mädchen und Frauen.


Das Frauenbild der katholischen Kirche war desaströs. Die Perspektive für Frauen- war es auch.


Thomas von Aquin, bis heute ein geehrter Name, statuierte, dass "in jeder Frau eine Eva lauert, vor der man sich in Acht nehmen muss". Er vertrat die These, dass die Frau dem Manne bei weitem unterlegen sei, was schon ihr schwächliches Äußere belegte. Frauen galten als geschwätzig, dumm, von Natur aus träge, naschsüchtig, hinterhältig, als der Sünde verfallen, Verführerinnen, geltungssüchtig und undiszipliniert. Das "Weib" an sich wurde- kurzum- als ein Totalausfall betrachtet, als eine Strafe Gottes.


In einem früheren Artikel (Wochenimpulse: Die Frau am Brunnen) habe ich bereits das Zitat eingefügt, dass diese Einstellung zusammenfasst, und auf das sich, antik oder nicht, die Kirchenväter beriefen:



"Die Frau ist in ihrer Einzelerscheinung das Produkt eines nicht in voller Perfektion verlaufendem Zeugungsprozesses" 
(Aristoteles)


Mit anderen, deutlichen Worten: "Schlechter Sex zeugt Mädchen."


Mangelhaft. Wertlos, eine finanzielle Belastung - und allenfalls aus ihrer Schlechtigkeit rettbar durch das Gebären von Kindern- von Söhnen.


Die Erziehung junger Mädchen war entsprechend rigide. Jeder der vermeintlich schlechten Eigenschaften wurde Disziplinierung entgegengesetzt:


Mädchen durften nicht nackt sein. Schon von frühestem Alter an durften sie sich sogar alleine am Badezuber nicht nackt sehen, um ihrer eigenen beschämenden Schmutzigkeit nicht zu begegnen. Sie mussten frühmorgens, nach maximal 4-5 Stunden Schlaf aufstehen und arbeiteten bis spät in den Abend hinein, um "ihre Faulheit auszumerzen". Sie durften nur sprechen, wenn sie etwas gefragt wurden, und mussten die Augen senken, um Geltungssucht und Geschwätzigkeit entgegen zu arbeiten. Dort, wo lesen gelehrt wurde (schreiben in der Regel nicht), dort waren nur Heiligenlegenden und die Bibel als Literatur erlaubt. Man lehrte sie singen (Psalmen), sticken, stricken und nähen. Man lehrte sie, den Haushalt zu führen- aber man erlaubte ihnen nicht, das Haus alleine zu verlassen. Man erlaubte in vielen Fällen weder Tanz noch Ausgelassenheit, da man hierin die Versuchung des Teufels sah. Das Schreiben verbat man, weil man davon ausging, dass sonst die keuschen Jungfrauen beim Kirchgang Liebesbotschaften an jeden daherkommenden Mann schreiben und sie zur Sünde verführen würden. Sie mussten sich vollkommen verhüllen. Alles an ihnen galt als sündig: Brüste, Waden, nackte Arme, Haare. Es war ihnen weder erlaubt zu rennen noch große Schritte zu machen. Der Blick gesenkt, mussten sie trippeln- kleine Schritte in Anmut und Bescheidenheit waren die Maßgabe. Ihre Essportionen wurden geschmälert, um ihrer Naschlust entgegenzuwirken. Man erlaubte ihnen nur gedeckte Farben. Alles, was darüber hinausging, galt als lasterhaft- und somit als Freiwild. Überhaupt galten Mädchen als leicht verführbar, als aufreizend, als gefallene Frauen, die die Versuchung der Männer waren. Bezeichnend, dass der Vatikan ganze Bordellstraßen unterhielt, in denen Geistliche den Prostituierten mit der Exkommunizierung drohten, waren sie den Freiern nicht gefällig. Sie nannten es die Kloake der Gesellschaft zum Schutz der Jungfrauen, das zu billigende Übel, denn Männern wäre Selbstbeherrschung nicht zuzumuten.

Mädchen von Stand und Ehre aber nahm man den Spiegel weg. Anstelle des Spiegels wurden Heiligenbilder gesetzt. Die Heilige Susanna, die Heilige Elisabeth. Maria.

Sie sollten als Vorbild fungieren, als Ideal, in dem sich die Mädchen in Gehorsam und Unterordnung, in Frömmigkeit und Vorbildhaftigkeit widerspiegeln sollten.


Ich konnte mein Entsetzen kaum verbergen, als ich die ersten kursierenden christlichen Königstöchter Bilder zu Gesicht bekam: Keusche, junge Mädchen in teuren Gewändern, die sie kaum atmen lassen, schön anzusehen, werden aufgefordert, wie Ruth zu sein. Wie Esther. Wie Maria.


Sei demütig wie Maria! Sei treu wie Ruth! Sei klug wie Esther!

"Von Ruth kannst du lernen...von Maria kannst du lernen.."


Bestseller ist und bleibt aber die Frau aus Sprüche 31, als Idealbild der ewig fleißigen und untergebenen Frau- modifiziert, in fromme Korsette gesperrt- und um jede Selbstbehauptung und tatsächliche Befugnis bereinigt.


Sind es die konservativen Kirchen, die Frömmler, die diese Memes verbreiten? Nein, ganz und gar nicht: Es ist eine Bewegung, die als Braut Christi Bewegung zu uns herüberschwappt und die gesamte Prüderie und subtile Abwertung und Beschränkung der Frau in modernerem Gewand wieder mitbringt.

Die wenigsten von uns können sich damit identifizieren. Dafür ist es auch nicht gedacht- es ist dafür gedacht, uns unser eigenes Scheitern tagtäglich vor Augen zu führen. Der Schüchternen durch die starke Ruth, der Vorwitzigen durch die demütige Maria.

Es ist nichts anderes als Spiegelpädagogik, die die christliche Frau zu Demut und Gehorsam erziehen soll.


Frauen durften sich im Mittelalter nicht wehren. Vergewaltigung und Züchtigung bis hin zu Totschlag war keine Seltenheit. Es wurde den gottesfürchtigen Frauen eingebleut, dass sie niemals die Hand gegen die Männer erheben dürften, sie seien dazu geboren, ihre Launen, ihre Affairen, ihre Untreue, ihre Gewalt und jede Erniedrigung liebend zu ertragen.

Bis heute kämpfen christliche Frauen mit der Frage, ob sie sich von einem übergriffigen, gewalttätigen, untreuen, abwertenden Ehemann scheiden lassen dürfen. Bis heute stellen sich christliche Frauen die Frage, ob sie das Recht haben, "sich dem Mann zu verweigern", bis heute ist Sexualität und eigene Weiblichkeit in einem Ausmaß mit Scham behaftet, das erschreckend ist. Und bis heute ist es in der Regel die Frau, die ihren Ämtern im Falle einer Trennung eines Ehepaares in der Gemeinde enthoben wird, die gezwungen wird, in gewalttätige Ehen zurück zu kehren oder die Gemeinde in Schimpf und Schande zu verlassen, während der Mann in der Gemeinde verbleibt.


Und die anderen Überzeugungen?

"Ihr geht bummeln? Gebt aber nicht soviel Geld aus!" (Verschwendungssucht)

"Ach, da könnt ihr ja mal wieder so richtig schön tratschen!" (Indiskretion und Hinterhältigkeit)

"Die war doch selbst schuld dran, dass er sie angegrabscht hat- wer so rumläuft.." (die Verführerin)

"Die hat wohl ihre Tage, so wie die drauf ist!" (Unreinheit, Launenhaftigkeit)

"Was hast du denn bitte den ganzen Tag gemacht?" (Faulheit)

"Warum hat Jesus die Frauen zu Zeuginnen seiner Auferstehung gemacht? Da wussten es gleich alle!! (Geschwätzigkeit).


Wir merken gar nicht, wie sehr die Klischees über Frauen bis heute von diesem gezüchteten und immer wieder ausgegrabenen Bild beherrscht ist, das bis in die Neuzeit propagiert wurde.


Was wir vor allen Dingen aber nicht merken ist, wie sehr wir es selbst als Wahrheit über uns annehmen und bis heute vermittelt bekommen.


Ich kenne kaum eine Frau, die nicht mit Selbstwertproblemen kämpft, die nicht in irgend einer Weise ihren Körper malträtiert- ob mit Diäten, Workout oder im Extremfall mit Ritzen und Selbstgeißelung, weil sie dem Ideal nicht entspricht.

Ich kenne kaum eine Frau, die sich in ihrer Haut wohl fühlt, ihre Sexualität befreit lebt,die nicht traumatisiert ist durch Gewalterfahrung und Missbrauch, psychische Abwertung und Verletzung. Ich kenne tatsächlich keine Frau, die noch nie Erfahrung mit sexueller Anzüglichkeit und Übergriffigkeit gemacht hat. Bis heute befürchten Frauen, nicht weiblich genug zu wirken, zu große Schritte zu machen, zu laut zu lachen oder etwas Unanständiges gesagt zu haben. Sie haben Angst, die Stimme zu erheben, nicht gut auszusehen oder zu unbescheiden zu sein. Sie haben Angst, zu faul zu sein und treiben sich zu Perfektionismus an.


Die Wunde sitzt tief.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel ein wenig den Blick weiten konnte. Wir denken immer, es ist nur unsre persönliche Geschichte,unser persönlicher Kampf.

Nein, liebe Schwestern, das ist es nicht. In Deutschland wurde Vergewaltigung in der Ehe erst in den 80er Jahren mit einer knappen Mehrheit im Bundestag verboten. Das sind nicht mal 50 Jahre, liebe Frauen. Und die meisten, die dagegen stimmten- waren fundamentalistische Christen.


Ich möchte es für heute dabei belassen. In den Wochenartikeln gehe ich auf einzelne Aspekte näher ein. Und ab nächste Woche geht es um innere Heilung. Um die persönliche Geschichte. Und darum, Jesu Wahrheit den Lügen ...entgegenzusetzen.


Ihr seid schön. Ihr seid gewollt. Ihr seid wertvoll. Ihr seid erwählt. Ihr seid gerechtfertigt und geheiligt. Zeit, die Intensivstation nach eurer Rettung zu verlassen.


Ach ja: Könnte nicht doch was dran sein? Am Faible für Schönheit? Dem Wunsch nach Romantik und Umworben-Sein? Dem Wunsch, gesehen zu sein? Dem Wunsch nach Bedeutsamkeit und Beziehung?

Doch. Aber der Wunsch nach Gesehen-sein, nach Selbstausdruck und Sinn- ist nicht Geltungssucht, Eitelkeit und Stolz.

Vater, Abba: komm für deine Töchter, ich bitte dich. In Jesu Namen, Amen.


Seid heute umarmt und gesegnet.

Sibylle/Zionstocher.


Wöchentliche, vertiefende Impulse zum Thema werden wie üblich auf meiner social media Präsenz bei Facebook und in den zugehörigen Community Gruppen von Zionstochter veröffentlicht: https://www.facebook.com/Sibyllezion

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Quellen:

Susanne Barth (Hrsg): Jungfernzucht. Literaturwissenschaftliche und pädagogische Studien zur Mädchenerziehungsliteratur zwischen 1200 und 1600. M&P Verlag Stuttgart 1994.

Desweiteren:

John & Stasi Eldredge: "Captivating- unveiling the mystery of a woman's soul." Expanded edition, Nelson Books 2021.

Stasi Eldredge: "Becoming myself-embracing God's dream for you". David Cook, 2013.

Photo: Pixabay

Worship: Ellie Holcomb: Wonderfully made



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