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Deine Geschichte verstehen- soziale Grenzen. Über einen Gott, der die Prinzipien umkehrt.





"Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittensein, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen." (Kolosser 3,11, rev.Elb.2006)

Meine lieben Freunde, liebe Follower,

"Deine Armut kotzt mich an!"


Mit einer selbstgefälligen Geste nahm der Weizenbiertrinkende BWL-Student das Getränk aus meiner Hand, während er sich- in seinem Designerpoloshirt- arrogant nach hinten lehnte.

Kaum konnte ich dem Impuls widerstehen, ihm nämliches Weizenbier über seine schweineteure Stoffhose zu kippen. Abend für Abend stand ich hier, in der Bier-und Rauchgeschwängerten Luft, um mir mein WG Zimmer, mein Studium, mein Sein zu finanzieren. Ich war müde, meine Füße taten weh, und dann kam mir dieser Lackaffe so.


  • "Man sieht ihr einfach an, dass sie keine Ahnung von den guten Dingen hat- keinen Stil, keine Etikette- man sieht eben, dass ihre Kleidung aus dem Rammschladen ist, weißt du. Wirklich Klasse kann man nur entwickeln, wenn man auch die richtigen Stoffe trägt, die guten Frisöre besucht und in sein Leben investiert. So sehr sie sich auch bemüht, - das macht sie ja- man sieht ihr die Gosse halt an"


  • "Weißt du- es ist einfach so: Die Geschmacksknospen entwickeln sich bei armen Leuten einfach nicht richtig. Du kannst jemandem, der arm ist, den besten Wein servieren- ihre Geschmacksknospen sind einfach nicht in der Lage, den Genuss wirklich auszukosten und die Nuancen zu schmecken. Das ist vergebliche Liebesmüh. Sie sind einfach...abgestumpft."


  • "Du bist einfach anders als wir, irgendwie halt einfach anders. Du denkst anders, du fühlst anders, du drückst dich anders aus-das ist irgendwie komisch. Worüber du dir Gedanken machst! Was du für Bücher liest! Du gehörst nicht hierher."


  • "Wenn die Bille den Mund aufmacht, dann kommt da immer so schlaues Zeug raus."


  • "Die will doch immer nur was besseres sein, als sie ist. Abitur machen und studieren- was bildet die sich denn ein? Soll arbeiten gehen, wie wir alle. Und all diese Hirngespinste da von Musik und Büchern und so, aber nicht mal in der Lage, nen Nagel grade in die Wand zu schlagen."


  • "Wenn Sie sich das nicht leisten können, haben Sie hier im Fachjournalismus nichts verloren. Ich setze einen PC; ein Auto und genügend freie Zeit voraus- also: Vergessen Sie, dass sie hier nebenher jobben können! Und bringen SIe ihre Fotoausrüstung mit zu den Terminen."


  • "Sind das echte Chucks? Ach nein? Ja, also mit so Pseudo-Chucks musst du hier garnicht erst auftauchen, du Pseudo. Manche haben eben- und andere halt nicht."


  • "Ich fand dich ja echt ganz spannend, aber ehrlich, also, bei eurer Armut- ich hab sowas noch nie gesehen. Nee, damit kann ich nicht umgehen. Das verursacht mir Übelkeit. Mit sowas will ich nichts zu tun haben."


Ich wurde geboren als ein Kind mit Feinsinnigkeit.


Ein Kind, das sich verlieren konnte in der Schönheit einer Geschichte. Ein Kind, das stundenlang über Worte sinnieren konnte, weil ihr Klang so schön war.

Ich war ein Mädchen mit vielen Büchern, einem Hang zu Ästhetik und hohen Gedanken.


Mein Umfeld aber war eins der Einfachheit, der harten Arbeit. Soziale Schichten haben ihre eigenen Gesetze.

Die meisten Jahre meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich in einer jener Sozialbauten, wie sie überall zu finden sind: Graue 60er Jahre Bauten der immerwährend gleichen Bauweise, in der sechs Familien wohnen, in den deckungsgleichen Reißbrett-Wohnungen.


Um uns herum aber- standen die Häuser, die den wohlhabenderen Familien gehörten- mit Pools, Wintergärten und Designerküche. Angrenzend an den Sozialbau gingen wir am Tennisclub vorbei, dort, wo die besser situtierten Klassenkameraden trainierten, und den wir nicht betreten durften. An Pferdeställen, wo die reicheren Mädchen ihre Pferde stehen hatten.


Wir- das waren die sozial Schwachen.

Die, deren Eltern keinen Anteil hatten an diesem Luxus. Die, deren Eltern tranken. Es war normal, dass die Aschenbecher überquollen und die Flaschen am Mittag schon auf dem Tisch standen. Viele Wohnungen waren verdreckt, irgendwie..anders. Väter, die krank auf dem Sofa lagen, Geschrei aus anderen Wohnungen, Kinder, die wegliefen. Lieber allein waren, als weiterhin entwertet und ungesehen zu sein.

Die Gesichter der Mütter waren angespannt und waren, wie Spandau Ballet es einmal ausdrückten, "von Aufopferung gezeichnet".

Oft schaute meine Mutter mich an und sagte: "Nein, ich möchte nicht, dass du sie zuhause besuchst. Ich möchte nicht, dass du da wieder hingehst. Sie kann aber immer zu uns kommen."


Zu uns.

Viel besser war es bei uns lange Jahre auch nicht.

Und doch: Seit meine Mutter beschlossen hatte, ihren eigenen Kummer nicht länger auszuleben, sondern mir den bestmöglichen Start in mein Leben zu gewähren, war es sicher bei uns. Keine Gewalt. Kein Alkohol. Kein Missbrauch. "Sie sollen besser hierher kommen." Und sie kamen. Um über ihren Kummer zu reden. Um ein wenig Verstehen zu finden.


Manchmal verschwanden Kinder einfach. "Sie ist ins Heim gekommen, die Layla. Es ist besser für sie im Heim." Mysteriös und ein wenig verstörend waren solche Aussagen, die wir hörten, aber nur soweit verstanden, dass wir sagten: "Wieder eine Freundin weniger."


Mein bester Freund war Marcus. Marcus, mit C. Darauf bestand er, wie Anne auf Green Gables auf ihr E. Es machte ihn besonders, sagte er. Und er war besonders.

Er wohnte in einem der Häuser, die damals als der letzte Schick galten: Offenes Wohnzimmer, riesiger Esszimmerbereich, gepflegter Vorgarten. Doch Marcus war meistens bei uns, und wir verstanden so lange nicht, bis er eines Tages vor unseren Augen von seiner Mutter verprügelt wurde. Es dauerte nicht lange, bis das Jugendamt eingriff und auch er in ein betreutes Jugendwohnen wechselte. Weit weg von all den traumatischen Erinnerungen, von einer Mutter, die ihn nicht lieben konnte. Ohne ihn wurde mein Leben, wurde mein Sein fortan ein wenig kälter.


Vor manchen dieser Wohnblocks gab es Sandkästen. Treffpunkte für uns, die wir die meiste Zeit des Tages draußen verbrachten. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich Manuela traf.

Sie wohnte im Haus, das direkt an diesen Sandkasten angrenzte, und sie war die meiste Zeit dort. Schaufelte Sand von einer Seite an die andere. Die Fensterscheiben in ihrem Zuhause waren voller toter Fliegen, die Scheiben dreckig, verklebt, vergilbt von Zigarettenrauch.


Manuela war immer traurig. Ängstlich. Und irgendwie schlecht gelaunt. Und eines Tages setzte ich mich zu ihr, und wir schaufelten gemeinsam Sand auf Berge. Wir waren sieben, vielleicht acht Jahre alt.


"Du bist immer so fröhlich, so ruhig." Sie schaute mich an, und lächelte traurig.

"Ich hab ja auch Jesus", sagte ich, "er macht am Ende alles gut. Du brauchst keine Angst zu haben, Manu."

"Ja, aber wenn es einen neuen Weltkrieg gibt? Wenn wir alle sterben müssen?"

"Das kann nicht sein. Schau mal, wir hatten ja schon zwei Weltkriege. Einen dritten gibt es nicht. Vorher kommt doch Jesus wieder. Der Krieg würde doch die ganze Welt kaputt machen. Aber Jesus kommt doch wieder. Wie soll er denn auf eine völlig kaputte Welt zurückkommen? Gott ist doch da." Hoffnungsvoll schaute sie mich an: "So, wie du das sagst, kann ich das fast glauben." "Glaub es ruhig, Manu," sagte ich, "er ist immer da. Wir müssen es nur glauben." SIe lächelte, sagte: "Ich muss jetzt nach Hause, sonst wird mein Vater sauer" und die Angst kroch zurück in ihre Augen. "Du darfst mich nie besuchen kommen!!" rief sie, drückte sich an der Hauswand entlang und verschwand hinter der schweren Eingangstür. Ich hörte Stimmen laut werden hinter den Fenstern. Warum schimpften sie mit ihr? Sie hatte doch garnichts getan!

"Glaube es ruhig, Jesus ist immer da."


Das war mein erstes Seelsorgegespräch.


Wenn wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, dann müssen wir ehrlich sein.

Wir dürfen nicht ausblenden, was uns umgeben hat, aus welcher sozialen Schicht wir kommen. Aus der ursprünglichen Herkunft ausbrechen zu wollen, etwas verändern zu wollen, es ist schwer. Unser Umfeld wird es als Verwerfung empfinden, wenn wir anders leben wollen, und alles daran setzen, uns zu hindern, unsere Ziele auch zu erreichen. Mit Verurteilung, mit Verachtung. Mit Verhöhnung auch der inneren Wünsche.


Die andere soziale Schicht-die nächste Stufe vielleicht, wird mit Argwohn auf uns reagieren- mit Ausgrenzung, Verurteilung, ihrer eigenen Arroganz und ihrem eigenen Statusbewusstsein.

Man kann zerrieben werden zwischen beidem, ich bin oft zerrieben worden zwischen beiden.

Gestern las ich- zum wiederholten Male- das Gleichnis von den anvertrauten Talenten.

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"einem jeden wurde gegeben nach ihren eigenen Fähigkeiten."


Und plötzlich dachte ich: "Wir lesen das vollkommen falsch!"

"Dem mit den meisten Fähigkeiten wird auch das meiste gegeben."

Nein, das ist nicht wahr.


Es widerspricht nicht nur Jesus' Wesen, es widerspricht auch der Realität der sozialen Gesellschaft, allen Gesetzen des Handels und der Startbedingungen.

Wenn du fünf Talente erhältst, dann kannst du relativ angstfrei wirtschaften. Es ist nicht schwer, aus viel viel zu machen.

Mit zweien, ja, das ist schon schwieriger. Aber immer noch hast du ein Talent in den Händen, das dich abfängt, wenn etwas schiefgeht, wenn du dich verkalkulierst.

Aber wenn du nur eins hast, dann musst du Fähigkeiten entwickeln. Gut kalkulieren. Da ist kein Netz. Da ist kein doppelter Boden. Da ist das eine, und das musst du einsetzen. Du musst es gut verwalten. Du hast kein weiches Polsterbett, auf dass du zurückfällst. Du hast keine zweite Chance. Du kannst nicht mit dem einen den Verlust des anderen ausgleichen. Du hast eine Karte, eine nur- und du musst sie ausspielen.


Das macht Angst. Und wir mögen versucht sein, wir, denen das Leben mehr Stolpersteine in den Weg geworfen hat als wir zählen können, dieses eine Talent zu vergraben.

Diejenigen mit den fünf Talenten mögen sich besonders ausgezeichnet fühlen, und arrogant herunterblicken auf die mit nur einem. Die im Mittelfeld- sie kommen weder auf die Idee, nach oben noch nach unten zu blicken. Sie sind der Durchschnitt, der mit dem arbeitet, was eben da ist.

Die mit dem einen Talent- sind häufig umgeben von Angst, von anderen, die schon längst vergraben haben, was in ihnen liegt. Sie haben gesehen, wie der Zorn auf den Herrn überbordend wurde, wie Machtlosigkeit und das Gefühl, nicht gesehen worden zu sein, sie auffrisst. Wenig Unterstützung werden sie erfahren, und sie müssen alles aufbieten, um ihre Ziele zu erreichen.


Ich glaube, dass Jesus uns eine wichtige Lektion erteilt mit diesem Gleichnis:

Er hat dem einen Knecht, dem letzten, das meiste zugetraut. Er hat ihm gemäss seinen Fähigkeiten zugeteilt. Der, der es am schwersten hat, das eine Talent zu verdoppeln, braucht dazu die meiste Kunstfertigkeit, die meiste Hingabe, die meiste Arbeit. Er muss die Gabe haben, sprichwörtlich aus Scheiße Gold zu machen.


Jesus ist kein neoliberaler Wirtschaftsboss. Er belohnt nicht die Reichen und verwirft die Armen. Er baut nicht auf die Fähigkeiten, möglichst gewinnbringend zu handeln.

Er vertraut jenen am meisten an, die nichts haben, nichts sind in den Augen der anderen. Jesus geht es nicht um Geld. Es geht ihm um die Fähigkeiten, um die innere Stärke, die Entschiedenheit.


Warum erlebte der Knecht mit dem einen Talent Gott als grausam? Als Dieb? Als Zerstörer? Warum reagiert der Herr so emotional, so außer sich auf diese Aussage des letzten Knechtes?


Weil er ihm am meisten vertraute. Weil dieser jedoch entschied, den Lügen der Welt mehr zu glauben, als der Wahrheit über seinen Herrn. Seine Aufgabe war es nicht, 10 Talente zu erwirtschaften. Seine Aufgabe war es, entgegen alle Widerstände, entgegen alle miserablen Startbedingungen, Kosten, entgegen aller sozialen Ungerechtigkeit den Glauben nicht zu verlieren, dass er dieses eine Talent zum blühen bringen könnte.


Ich bin ein Knecht mit einem Talent, nicht fünf.

Und ich weigere mich, es zu vergraben.


Denn mein Herr- vertraut mir.

Die eigene Geschichte wirklich zu verstehen, heißt, das Hauptthema zu verstehen.

Nur so finden wir zu Heilung und zu Frieden.


Jesus hat die Parameter dieser Welt umgekehrt. Wir können nicht der Welt gleichförmig sein, ihre Werte übernehmen und glauben, darin Jesus zu finden.

So, wie die Menschen ihren Göttern opferten, opferte sich Gott uns.

Mögen wir beginnen zu verstehen, wie sehr wir umdenken müssen, um frei zu werden.

Seid gesegnet.

Sibylle/Zionstochter


Quellen:

Foto: Pixabay, Kalhh, thank you.

Bibel:Elberfelder Bibel 2006, © 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (www.scm-brockhaus.de)

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