• sibyllezion

Die kanaanitische Frau- und wen Jesus wirklich vorführte.




"Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen[1], denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde." (Matthäus 15, 21-28)


Meine lieben Freunde, liebe wertgeschätzte Frauen Gottes,


entwürdigt. Ignoriert. Niedergemacht. Als Abschaum bezeichnet. Ausgegrenzt.


Wir alle wollen dazugehören.


Es ist ein inneres Bedürfnis unsres Beziehungswesens, dass wir angenommen sind. Angelegt bereits in den ersten Stunden unseres Lebens ist das Bedürfnis nach Nähe, genährt sein, nach Schutz und Gemeinschaft. In Psalm 131 heißt es:


" Ja, ich ließ meine Seele still und ruhig werden; wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir. " 


Das Leben- das soziale Miteinander, die Hierarchien der Welt- sie lehren uns oft bitter etwas anderes als das Dazu gehören, das Willkommen-sein.


Was die kanaanitische Mutter im Gleichnis durch Jesus erfährt, ist alles andere als Annahme, ist alles andere als eine barmherzige Zuwendung. Wir stolpern, wenn wir nicht völlig verhärtete Herzen haben, sofort über diese Geschichte. Über die Art, wie diese Frau nicht einmal für sich selbst, sondern für ihre Tochter bettelt. Um Heilung, um Heil, um einen Brotkrumen vom Tisch des Herrn- und über seine Reaktion.


Diese Frau, sie begegnet himmelschreiender Ignoranz. "Du bist ein Nichts!" ist die Botschaft der Ignoranz, "nicht wert, auch nur ein Wort an dich zu verschwenden!" Sie begegnet einem Jesus, der sich nicht nach ihr umdreht, obwohl sie schon eine ganze Weile hinter ihm rufend herläuft. Sie begegnet Ablehnung und Geringschätzung, als er sie als "Hündin" bezeichnet, gleichbedeutend mit dem heutigen Schimpfwort "Kanacke", mit Ausgrenzung zugunsten des jüdischen Volkes.


Ist ihr diese Abwertung schon früher, häufiger begegnet?

Mit Sicherheit. Mit absoluter Sicherheit! Vermutlich ist es eine Reaktion auf sie, die sie tendenziell gewohnt ist. Schon so gewohnt, dass sich ein dicker Schutzpanzer um sie gelegt hat, sie die Stiche in ihrem Herzen schon gekonnt ignoriert, weil ein Teil von ihr sich damit identifiziert, auf "der falschen Seite des Lebens" geboren zu sein.


"So ist das nunmal. So denken die nunmal über mich. Das ist es halt, was ich bin. Ich erwarte nichts anderes, als so behandelt zu werden."


Wie schmerzhaft, das auch von Jesus zu erfahren.

Wie schmerzhaft, das von ihrem Herrn zu erfahren, wie konfrontierend mit eigenen Wunden, mit eigenen Vorerfahrungen! Sie ist eine Frau. Sie hat eine Tochter, keinen so hoch angesehenen Sohn,eine kranke Tochter obenauf. Sie ist Kanaaniterin, gewohnt, für ihre Volkszugehörigkeit verachtet zu werden, gering geschätzt zu werden.


Dennoch nimmt sie in diesem Falle ihren ganzen Mut zusammen, diese Frau, und benimmt sich zudem völlig daneben- gesellschaftlich und sozial absolut indiskutabel. Sie spricht Jesus nicht nur an, sie ruft hinter ihm her, sie macht "ein Drama", wie wir es heute nennen würden. Und er lehnt ab, offensichtlich, sich darauf einzulassen, mit ihr auch nur im Geringsten involviert zu werden.


Sie wird nicht gehört, sie wird nicht gesehen. Die Jünger sind so genervt, dass sie Jesus auffordern, diese Frau, die in ihren Augen keinen Recht haben auf "ihren Rabbi oder je nachdem, ihren Messias" wegzuschicken.


Warum?

Warum nur so viel Demütigung für diese Frau?


Es ist derselbe Jesus, der offensichtlich die Stirn hatte, am Brunnen von Samarien mit einer Frau in aller Öffentlichkeit zu sprechen, die offensichtlich sozial ausgegrenzt war. Es ist derselbe Jesus, dem wir als mitfühlend, als zugewandt, als erhebend erleben, der dies tut.


Seien wir mal ehrlich, es erscheint absolut grausam. Und das ist es auch, auch wenn Jesus sich anscheinend am Ende erweichen lässt. Was für einen Anspruch erhebt er? Und gegenüber wem? Er, der "von Herzen demütig" ist? Von Herzen dient, selbstlos und völlig hingegeben, bis in den Tod? Was tut er mit dieser Frau, und warum?


Ich glaube, einer der Gründe, warum über diese Heilungsgeschichte selten gesprochen wird, selten gepredigt wird,ist ein merkwürdiges Unbehagen, das uns befällt. Wir haben zwei Möglichkeiten, mit diesem Widerspruch umzugehen- wir können annehmen, dass Jesus nun einmal auch so handelt, und damit unsere eigene Härte rechtfertigen. Oder...wir können davon ausgehen, dass Jesus gute Gründe hat, die mit mangelnder Wertschätzung gegenüber der Frau nichts, aber auch garnichts zu tun haben:


Wenn wir das Setting miteinbeziehen, in dem diese Geschichte stattfindet, finden wir Aspekte, die zutiefst überführend und aufklärend sind. Viel zu oft ignorieren wir, dass Jesus als Mensch in einem menschlichen Umfeld agiert, dass er grundsätzlich Zuhörer, Begleiter, eine Menschenmenge um sich hat. Jesus von Nazareth geht nicht gemütlich eine Straße entlang, ohne dass sich eine neugierige Menschenmenge um ihn sammelt. Jene, die von ihm lernen wollen, die, die ihn sich mal anschauen wollen, und jene, die ihn -salopp gesagt- in die Pfanne hauen wollen- begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Und natürlich jene, die seine Jünger sind- allesamt Juden, sein innerer Kreis. Sie schützen ihn, schirmen ab, informieren ihn, rufen ihn zu Ereignissen hinzu- und sie sitzen zu seinen Füßen. Sie sind die innere Gemeinschaft, die "Auserwählten", und dass sie mächtig stolz darauf sind, das wissen wir. So stolz, dass sie darüber streiten, wer am Ende des Tages neben Jesus auf dem Ehrenplatz sitzen wird, wer von ihnen in seinen Augen der größte unter ihnen ist: Johannes, den Jesus so lieb hat? Petrus, der glühende Verehrer? Jakobus, der auch immer mit von der Partie ist?


Und dann ist da diese Frau.

Irgendwo bei Tyrus und Sidon, einer nichtjüdischen Provinz. Jesus- kann sich verständigen, wird verstanden. Die Leute haben schon von ihm gehört, auch diese Frau. Und sie ruft nach ihm wie ein Bettler im Nahen Osten:

"Erbarme dich meiner!" Doch die Anrede..sie deutet auf ein Anerkennen hin, das von Kanaanitern nicht erwartet wird: "Kyrie, Herr, Sohn Davids."

Beide Bezeichnungen alleine- sie stehen auch für anderes. "Aus dem Hause Davids". Kyrie, "Herr", ist erst einmal eine allgemeine Anrede. Aber in der Kombination wird es ein Anerkennen des jüdischen Messias. Des Gottessohnes. Des "Sproß Davids", und es verrät, dass diese Frau genau wusste, wen sie anrief, und mehr noch: Dass sie sich zu ihm bekannte.


"Erbarme dich meiner"- diese Mutter braucht genauso viel Heilung wie ihre kranke Tochter. Das Leid eines Kindes kann einen aufreiben, das Leid eines Freundes, einer Ehefrau, eines Ehemannes. Wir stehen hilflos vor Leid, Krankheit, Tod- und sind mittellos, unfähig, es zu lindern. Das macht was mit uns. Das nimmt uns mit, das raubt uns die Kraft. Wir leiden mit. Wir leiden unter der Last der Untätigkeit. Des Ansehens dieser Kämpfe, Schmerzen und Auswegslosigkeit.


Jesus reagiert nicht auf sie. Er unterzieht sie einem öffentlichen Test, nicht ohne seine Jünger ebenfalls ins Visier zu nehmen.


Ein Rabbi reagierte nicht auf Frauen in der Öffentlichkeit. Gesellschaftlich verhielt sich Jesus völlig richtig, und das werden auch seine Jünger so gesehen haben. Das unmögliche Verhalten lag eindeutig bei der Frau, die es wagte, einen Mann in der Öffentlichkeit zu belästigen. "Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen[1], denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel."


Die Jünger fordern ihn auf, sie wegzuschicken. Es ist für sie die absolut logische und richtige Konsequenz: Frau, kanaanäisch, belästigend, sich anmaßend verhaltend- sie gehört nicht zum jüdischen Volk und hat offensichtlich auch keinen Mann, den sie schicken könnte- also: "Drehen wir uns um und gehen weiter, Jesus!"


Jesus antwortet in ihrem Sinne: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel." "Ich habe mit Kanaaniterinnen nichts zu schaffen, Frau, hier geht es um das Heil der Juden!"


Die Jünger gewinnen Land. Er ist IHR Messias, es ist IHR Recht, nicht das Recht dieser Frau, und sie sind stolz darauf! Wäre ja noch schöner, wenn eine solche Frau das Recht hätte, Anteil zu haben am Heil des Messias....


Jesus konfrontiert in diesem Moment zweigleisig: Die Frau mit ihren Ängsten vor Ablehnung, die Jünger mit ihrem Stolz, ihren harten Herzen und ihrem Anspruch, etwas besseres zu sein, ein Sonderrecht zu genießen. Er agiert auf zwei Ebenen: Er gibt der Frau die Möglichkeit, ihren Glauben unter Beweis zu stellen, der ihn beeindruckt- ebenso die Liebe zu ihrer Tochter, die sie antreibt, seine Hilfe zu suchen- unter allen Umständen, unter allen Bedingungen, sogar unter denen der öffentlich zu erwartenden Demütigung.


Und Jesus treibt es wahrhaftig auf die Spitze: Seine Aussagen werden stetig abwertender, bis hin zur öffentlichen Beschimpfung. Ist es die Frau, die er beschämt? Nein, es ist ein Entgegenspiegeln der Arroganz, die er in seinen Jüngern und in seinem Gefolge sieht. Sie wollen, dass er sie wegjagt. Also zeigt er ihnen, wie sie mit anderen umgehen. Aus Jesu' Mund doppelt so hart, weil unerwartet. Aus Jesu' Mund provokant und treffend. Kann er nicht aufhören damit? Kann er nicht aufhören, sie so zu behandeln?


Die Frau aber, sie ist überzeugt von Jesus. Sie glaubt an ihn, sie weicht nicht zurück. Sie hört, was er sagt, sie wird getroffen sein, an all jenen Punkten, an denen man sie schon oft verletzte. Aber ihr Glaube an ihn ist stärker. Und so zieht sie ihn in ein humorvolles Wortspiel, in dem sie "die Hunde" zu "Hündchen" (Originalwort, verniedlicht, ed. Autorin), zu Welpen macht, fast ein wenig schelmisch. Nein, sie glaubt Jesus nicht, sie glaubt Jesus die Ablehnung nicht. Es fühlt sich so an. Es muss schrecklich gewesen sein, so vorgeführt worden zu sein. Aber sie- sie weiß im tiefsten Inneren, dass ihr Jesus hier begegnen wird,sie lässt sich nicht abschrecken. Sie glaubt an ihn.


Jesus heilt ihre Tochter. Er belobigt ihren Glauben, den er so arg getestet hat, dass es an die Substanz ging. Mit dieser Heilung tut er zwei weitere Dinge: Er konfrontiert und überführt seine Jünger ihrer eigenen Vorurteile und ihrer eigenen Arroganz. Und: Er heilt die Frau auf einer Ebene, die sie viel nötiger braucht als alles andere: Er erhebt sie. Er ehrt sie. Er, der Messias, hebt ihren Glauben als vorbildlich hervor, er gibt ihr Recht, er erbarmt sich.

Konfrontiert mit all den Lügen der Abwertung über sich, über ihr Volk, ihre Berechtigung widersteht diese Frau mit trotzigem Festhalten an der Wahrheit all den Angriffen, all den alten Wunden. Und findet Heilung im Arm dessen, der sie von Anfang an liebte und wertschätzte.


Was für eine Geschichte!

Wie wenig sehen wir davon?

Wie wenig hören wir über einen solchen Hintergrund?

Wie großartig ist Jesus?


Wenn du dich ausgegrenzt fühlst von Menschen, denke an die kanaanitische Frau.

Wenn du durch Prüfungen gehst- blicke auf Jesus, und auf das, was du an Wahrheit über ihn weißt: Dass er liebt. Dass er Wahrheit ist. Dass er gut ist. Vielleicht erteilt er Leuten um dich herum eine Lektion in Demut. Und adelt deinen Glauben.



Seid gesegnet.


Sibylle/Zionstochter.


Quellen:

Die Bibel, Luther Übersetzung, 2017.

Dr. Kenneth E. Bailey: Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM Verlag 2018, S. 262-267.

Lobpreis:







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