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Die Wurzel der Bitterkeit 1/2

Aktualisiert: 3. März




"Denn ich sehe, dass du voll bitterer Galle und in Banden der Ungerechtigkeit bist" 
(Apg. 8,23) 


"Vergiß die schönen Tage nicht! Wenn alles finster erscheint, wenn Bitterkeit dein Herz überschwemmt, wenn alle Hoffnung verkümmert, dann suche die schönen Tage in deiner Erinnerung. Die Tage, da du voller Freude und Vertrauen warst; die Tage, da alles gut war. Vergiß die schönen Tage nicht! Denn wenn du sie vergißt, dann kommen sie niemals wieder."
(Phil Bosmans)



"Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!" (Psalm 103,2)


Meine lieben Freunde, liebe wunderbare Frauen Gottes,


Bitterkeit.

Hat sie erst einmal Wurzeln geschlagen in uns, dann ist sie lästig wie Giersch in unserem Garten. Bitterkeit ist kein Löwenzahn, den man geschickt und mit Leichtigkeit einfach an der Wurzel ausreißen kann. Nein: Er bildet tiefe Flechtwurzeln aus, die sich ungesehen in alle Bereiche des Gartens ausdehnen, bis ihr Ursprung, ihr wahrer Grund nicht mehr erkennbar ist.


Selbst genervt von diesem Unkraut, versuchen wir verzweifelt, es einzudämmen, und was andere sehen, lässt sie die Augenbrauen hoch- und blühende Gärten vorziehen. Tiefe Schutzgräben werden gezogen, denn dieses Unkraut, dieser Giersch hat die Tendenz, sich rasend schnell auszubreiten, unterirdisch und zunächst ungesehen. Und wehrt man ihm nicht, ist man am Ende rettungslos überfordert.


Bitterkeit.

Oft erkennen wir sie selbst gar nicht.


Wir sind so an sie gewöhnt, dass wir denken, es sei ein Teil von uns. Wir sind eben kritischer, bei dem was wir erlebt haben!

"Es ist halt die Wahrheit, dass diese Welt wirklich ein schrecklich verlogener Ort der Ungerechtigkeit ist! Und es war unfair, und das muss man auch sagen dürfen! Wie die sich aufführen, ist wirklich das Allerletzte, und verdient haben wir das alles auch nicht.

Das Leben war hart, und andere hatten es besser. Ja, wenn ich nur, wenn sie nur gesehen hätten, was ich brauchte. Und wo war Gott? Mal wieder Kaffee trinken, als es passierte.


Zorn flutet uns. Ständiges Genörgel macht sich breit, und Angst.


Angst, dass es natürlich wieder so kommen wird, wie es immer war: Dass wir außen vor stehen. Dass wir übersehen werden. Und dass die guten Absichten in unserem Herzen nicht anerkannt werden. Dass wir nicht erkannt werden, und zu Unrecht beraubt, ausgestoßen und mit Verlusten stehenbleiben.Die Rechnung anderer zahlen.


Das bekannteste biblische Beispiel für Bitterkeit ist wohl Simon der Zauberer.


Petrus gibt ihm den Hinweis, nach einer rigiden Abstrafung von Simons Ansinnen, den Heiligen Geist kaufen zu wollen, um sein Geschäft wieder aufnehmen zu können:



 "Denn ich sehe, dass du voll bitterer Galle und in Banden der Ungerechtigkeit bist!" (Apg 8, 23)


Wir tendieren dazu zu glauben, dass Petrus diese Aussage zornig und zurückstoßend Simon entgegenschleuderte, aber seien wir mal ehrlich:


Richtig Sinn macht sie an dieser Stelle mit dieser Lesart nicht. Warum also weist Petrus Simon auf diese Bitterkeit und diese "Bande der Ungerechtigkeit" hin?


Nun, zunächst einmal können wir getrost davon ausgehen, dass der Umgang mit Simon wahrscheinlich kein leichter war, weil für Simon dieses Auftauchen der Apostel zu einem Albtraum wurde. Immerhin hatte er das Dorf vordem voll im Griff! Und er galt als DER Wundertäter, als Offenbarung und auserwählt! Jahrelang, so lesen wir, suchten die Bewohner des Dorfes ihn auf, und jetzt auf einmal? Ansehen dahin, Kunden weg, Weltbild zusammengebrochen, alles nur noch Asche.


"Du spuckst Gift und Galle, es ist unerträglich! Ja, ich habe jetzt verstanden, dass alle total ungerecht zu dir sind!"


Kennt ihr das?

Kennt ihr diese Menschen, die so auftreten? Falls nicht, dann seid euch bewusst: Bei aller Liebe und Gnade und Freundlichkeit, die ich vielleicht in mir tragen mag- ich kenne diese Gedanken und auch dieses Auftreten von mir nur allzu gut- und es braucht nicht viel, um es anzutriggern. Im Grunde braucht es nur- Angst und ein Gefühl von Überforderung.


Ich kann mich beschweren wie ein Kesselflicker. Und hintergründig schwingt alles mit, was in diesen Momenten wirklich in mir vorgeht:


Unsicherheit, Verlorenheit, Überforderung. Traurigkeit, über das, was war, über das, was ich verloren habe. Angst, zu vertrauen, Angst, dass Gott nicht kommt, um zu helfen.


Warum ist das so? Ich habe lange, lange suchen müssen, um die Wurzel zu finden, den Ort, wo all dies begann.


Wir alle sind geprägt.

Es gab eine Zeit, in der wir angewiesen waren auf die Fürsorge, den Trost, den Beistand und die Liebe derer, die unsere Eltern waren. In dieser Zeit konnten wir nicht selbst entscheiden, wir konnten nichts anderes tun, als mit dem umzugehen, was uns gegeben wurde. Mit dem Mangel an Aufmerksamkeit. Mit den Konflikten der Eltern, die sich auf uns übertrugen, vielleicht mit Gewalt, Abwertung, und mit der Sünde, die am meisten schmerzt: "Die Sünde, das Gute nicht zu tun."


Meine Eltern waren geschieden, und das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir war nicht gut- um es schmeichelhaft auszudrücken. In seinen Augen tat er für mich, wozu "er verpflichtet war"- und ich war in seinen Augen höchst undankbar, es nicht zu sehen. Was er tat, war Unterhalt zahlen, mir dann und wann 50 Mark in einer Kaffeetasse herüber zu reichen, damit "ich mir was schönes kaufen könne".


Meine Kinderseele weinte. Meine Teenager Seele weinte. Und auch die junge Frau, die ich wurde, war resigniert, traurig, schicksalsergeben.


Oft vergaß er mich.

Er versprach zu kommen, um mich abzuholen, an Besuchstagen.

Ich saß auf der Mauer, draußen an der Straße, 20 Minuten früher als ich sollte. Dort saß ich oft, sehr oft nach einer Stunde immer noch. Nicht wahrhaben wollend, dass er nicht gekommen war. Und dann lief ich zurück ins Haus, anfangs weinend, später mit versteinertem Gesicht, mit Wut und Zorn. "Ich brauche dich nicht!" sagte mein Zorn. "Warum liebst du mich nicht, warum bin ich so falsch in deinen Augen?" weinte mein Herz.


Ich lebte alleine mit meiner Mutter.

Schwere Jahre lagen hinter uns, und das gerüttelte Maß an Leid, das wir alle zugeteilt bekommen, es lief über in einem bitteren Kelch. Doch eines Tages geschah etwas, das meine Mutter aufrüttelte, und sie wurde zu der zugewandtesten, liebevollsten Mutter, die man sich denken kann. Es waren wenige Jahre, wisst ihr. Sie fing es auf, wenn mein Vater mich verstieß, ausgrenzte, ignorierte.

Sie war mein Alles in wenig. Mein sicherer Hafen, ein Hafen der Annahme, des Trostes, der Liebe und Freundlichkeit. Mein Hafen des Guten.


Ich war 16 Jahre alt, als abends gegen halb 11 das Telefon klingelte. Ich kam vom Babysitten zurück, ein paar Stunden vorher hatte ich mit meiner Mutter und einem Freund von mir zu Abend gegessen, lachend und scherzend. Dann war sie zum Chor aufgebrochen- und ich zu meinem Nebenjob. Ich sehe sie noch nach ihren Kreislauftropfen greifen, weil sie dachte, ihr Schwindel sei dem niedrigen Blutdruck geschuldet, den sie manchmal hatte.

Ich dachte an nichts böses, als ich die Stimme meiner Schwester hörte, die sagte: "Du musst jetzt sehr stark sein, Sibby. Mami- sie ist sehr, sehr krank. Sie hatte eine Hirnblutung, und sie ist jetzt auf der Intensivstation in der Uniklinik. Die Ärzte können noch nicht sagen, ob sie überlebt."


Ich war allein, so allein mit dieser Nachricht, als ich den Hörer auflegte.

Mein Vater, so sagte meine Schwester, habe seine eigene Chorprobe abgebrochen, er wisse schon Bescheid.

Aber er kam nicht. Er sprang nicht ins Auto, um sich seiner Jüngsten anzunehmen. Er kam einfach nicht, um mich tröstend in den Arm zu nehmen und zu sagen:

"Ich bin da. Ich weiß, wie allein du jetzt sein musst, und hier ist mein Arm. Wir kriegen das hin, egal was war und ist. Ich bin da für dich, mein Schatz, hab keine Angst."


Und so wurde jedes Ereignis, alles, was später geschah, zu einem Beweis, dass ich allein war. Dass mir nicht gegeben wurde, was ich brauchte. Dass man mich täuschte, und dass Liebe und Zusagen nicht vertrauenswürdig waren. Wie ein Flechtwerk breitete sich dieses Gefühl aus und wie eine Blaupause zog es sich durch meine Wahrnehmung. Dass ich es alleine schaffen musste, dass niemand da sein würde, wenn ich ihn brauchte, und dass Hilfe für mich nicht zur Verfügung stand. Dass ich nicht zählte, und mit überfordernden, nicht leistbaren Situationen irgendwie klarkommen musste.


Eine trostlose Welt. Eine unsichere Welt. Eine ungerechte Welt.


Wisst ihr, ich glaube, auch Simon der Zauberer stand plötzlich da und war seiner Monstranz, die er vor sich hergetragen hatte, beraubt. Als das Licht der Wahrheit auf das Leben dieses Magiers fiel, als er mit Wahrheit konfrontiert wurde, der echten Freude und Leichtigkeit, die sich ausbreitete, als die Apostel die gute Botschaft von Gottes Liebe und Freundlichkeit verbreiteten, verlor er nicht nur sein Geschäft, seine öffentliche Anerkennung, sondern auch sein Selbstbild. Er wollte es zurückkaufen, austauschen,einfach weitermachen.

Aber Petrus sah tiefer.

Er sah die Anklagen der Ungerechtigkeit, die Wut und den Zorn Simons, die Enttäuschung und Verbitterung. Und wir lesen nicht, dass er ihn zurückließ, als sie weiterzogen, dass er Philippus nicht mehr folgte. Er wurde zurechtgewiesen, ja. Aber ausgeschlossen- wurde er nicht.


Die Wurzel der Bitterkeit wurzelt tief. Und erst, wenn wir sie erkennen, erkennen wir auch die Gründe für Anklage, Richtgeist und unsere eigene Härte.


Die Wurzel der Bitterkeit ist erfahrenes Unrecht, Mangel und der Schmerz, übersehen zu sein. Was sie treibt, ist Giersch. Und was sie braucht, um entfernt zu werden, so, dass sie wirklich besiegt wird, ist lebendiges Wasser. Es sind weiche Böden, die es möglich machen, die Wurzeln zu verfolgen, sie auszuheben, und mit guter Erde aufzufüllen.


Was es braucht, ist Heilung. Was es braucht, ist das Recht zugesprochen zu bekommen, dass das, was wir erfuhren, falsch war. Sünde war. Unterlassungssünden. Das Gute, das nicht getan wurde. Und dass unser Schmerz zählt und berechtigt ist.


Also: Wir können nicht vergeben, was wir nicht erkennen. Und wir können nicht ersetzen, was wir nicht einmal wahrnehmen.


Doch Gott: Er ist ein Gott, der uns sieht. Und sein lebendiges Wasser der Wahrheit fließt freundlich und sanft in den Erdboden, bis dieser locker genug ist, um die Wurzeln zu entfernen. Süße Worte werden es nicht richten. Verdrängung wird es nicht richten. Überlebensmuster werden es nicht richten.


Let it rain, Lord.


Seid gesegnet mit allen himmlischen Segnungen. Und mit allem, was ihr braucht.


Sibylle/Zionstochter.

Dieser Artikel gehört zur Vorbereitung und Begleitung der achtwöchigen Study: "Werden, wie du mich siehst" Stacy Eldredge. 20.03.2023-15.05.2023.



Quellen:

Die Bibel. Apg. 8, Psalm 103, hier: www.bibleserver.com Elberfelder Übersetzung.

Foto: Pixabay

Zitat Phil Bosmans: Zitiert nach: https://beruhmte-zitate.de/themen/bitterkeit/

Lobpreis: Michael W. Smith: "Let it rain"



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