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Lehre uns beten 3/4- das Vater unser und warum es nicht ausrangiert gehört.

Aktualisiert: 3. März





"Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch geöffnet werden!" (Mt 7,7)

"14 Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. 15 Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann. 16 Seid allezeit fröhlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. 19 Den Geist löscht nicht aus. 20 Prophetische Rede verachtet nicht. 21 Prüft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das Böse in jeder Gestalt. 23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun." ( 1. Thess 5,17ff)

"Lasst  uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir  Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe! (Röm 3,25; Hebr 2,17; Hebr 10,19)"

Meine lieben Freunde, liebe Frauen Gottes,


manchmal ringen wir um Worte, wenn wir beten- jedenfalls geht es mir so.


Es ist keineswegs so, dass mir Beten immer leicht fällt.

Manchmal geschehen Dinge, die so tief gehen, dass mir Worte fehlen, und selbst wenn ich dann weiß, dass es gut ist zu Jesus zu laufen, dass es segnend und klärend und nährend ist und ich niemals eine Gebetszeit genauso verwirrt und traurig verlasse, wie ich sie begonnen habe, sind Worte manchmal schwer zu finden. Es sind dann seufzende Gebetszeiten, die mit dem verzweifelten, manchmal auch berührten: "Jesus..." auch schon ihr Ende finden.


In solchen Phasen fällt es mir auch schwer, mit all den Bitten, die an mich herangetragen werden, umzugehen. "Bete für...bete bitte für..kannst du bitte für mich beten? " "Nein, kann ich...irgendwie nicht. Gerade will ich zur Ruhe kommen, will oder muss ich mich um tausend Dinge kümmern, gerade...weiß ich auch nicht. "


Als die Jünger Jesus fragten, ob er sie lehren könne zu beten, gab er ihnen das, was man ein Bittgebet nennt. Wenige Zeilen.

Wir lesen es, und uns fehlt oftmals die richtige Assoziation. Die Worte rühren wenig in uns an, und dazu kommt, dass wir alle, alle ein bestimmtes "Herunterleiern" im Hinterkopf haben, so wie beim apostolischen Glaubensbekenntnis, so wie (leider oft!) beim Psalm 23, auswendig gelernt, aber wenig verinnerlicht.


All diese Worte Jesu aber sind voller Leben. "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig, " - das sagt Paulus, und bei keinem Gebet sind wir mehr in Gefahr, tote Worte zu leiern.


Aber was beinhalten sie? Und warum sind es diese Worte, diese Bitten, die Jesus uns gibt?


Ich habe einen völlig neuen Ansatz gebraucht, um das Vater unser aus einer anderen Perspektive sehen zu lernen, und es ist jetzt wirklich eine Rettung für mich, wenn die eigenen Worte nicht ausreichen, an der Decke kleben bleiben oder scheinbar immer nur um mich selbst drehen, weil ich keine Kapazitäten frei habe, wie man es so schön nennt.


Ein paar von ihnen möchte ich gerne mit euch teilen und hoffe, dass sie euch segnen.



"Unser Vater, der ⟨du bist⟩ in den Himmeln" (Mt 6,9a, Elb.)


Abba.

Es gibt viele Auslegungen zu Abba, die sagen, dass das eine unverschämte Offenbarung war, dass Jesus diese Verniedlichungsform angewandt hat, die kleine Kinder gegenüber ihrem "Papa" angewandt haben.

Das ist ein äußerst zweischneidiges Schwert. Denn es stimmt, dass kleine Kinder auf aramäisch Abba sagen, wenn sie lernen, ihren Vater anzusprechen, und es spricht für eine enge Bindung. Aber es heißt nicht: "Lieber Papa!". Es heißt, so weiß man heute, "Oh, Vater!" - und das hat mehrere Bedeutungen:


Zunächst ist da natürlich, natürlich die persönliche Beziehung zu Gott. Vater ist immer ein intimes Wort, ein Wort des Vertrauens. Es drückt aus, dass man zur Familie gehört, dass man das gleiche Blut teilt, dass man "der Apfel ist, der nicht weit vom Stamm fällt".

Aber Vater im nahöstlichen Kontext und auch im jüdischen Sinne ist sehr viel mehr als nur der bedürfnisorientierte Papa, der dem Kind jeden Wunsch von den Lippen abliest:


Abba sagen auch Schüler zu Respektspersonen und Lehrern. Es ist ein Wort, das ein Meister-Schülerverhältnis widerspiegelt, voller Respekt und Achtung.


Abba heißt auch: Identitätsgeber, Vorstand, "Herr im Haus". Der Vater eines Hauses, das zu Jesu Zeiten und (im Nahen Osten häufig bis heute) sehr viel größer und umfassender war, als unsre Kleinfamilien heute, umfasste die Fürsorgepflicht für alle, die ihm angehörten, ihm dienten, für ihn arbeiteten, er war die letzte Autorität in allen entscheidenden Fragen, derjenige, der den Ehrenplatz am Tisch hatte, derjenige, der versorgte, liebte, beschützte, entschied, anwies, lehrte, zuteilte- derjenige, dem alles gehörte, der darüber frei verfügte und niemandem Rechenschaft schuldig war. Er erwartete Respekt, und er schenkte Liebe, Freundlichkeit- und Warmherzigkeit, die wir Westeuropäer häufig nicht so sehr verinnerlicht haben. Er förderte, aber er erwartete auch- Loyalität, Treue, Hingabe- und dass FÜR sein Haus, nicht GEGEN sein Haus gearbeitet wurde.


Wenn Jesus sagt: "Unser Vater, der du bist in den Himmeln"-sagt er: "Unser Oberhaupt, unser Papa, unser Versorger, unser Auftraggeber, unser Heimatgeber, unser ...Padre. Und er sagt: "Der du uns nah und fern zugleich bist."



"Geheiligt werde dein Name" (Mt 6,9b, Elb.)

Für mich war es ein Augenöffner, als ich in einem Buch von Kenneth E. Bailey die wahre Bedeutung dieses Satzes las, denn seine Argumentation war so logisch, dass ich mich ihr nicht entziehen konnte.


"Wann, fragte Bailey, muss ein Name, der heilig IST; geheiligt WERDEN?"

Nun, dann, wenn er nicht geachtet wird. Nicht da, wo er erhoben ist, und derjenige der heilig ist, braucht seinen Namen nicht heilig sprechen! Nein, es geht um etwas anderes hier:


Es ist der dringliche Appell, dass Gott doch bitte seinen eigenen Namen zu Ehren führen möge, in Situationen, wo wir auf ihn vertrauen, aber nicht sehen, dass sein Wille auch geschieht.

Dass er Unmögliches in Mögliches wandeln möge, dass er in Bedrängnis Sieg schenken möge, (so wie etwa bei Gideon), dass er siegen möge in einer Art und Weise, die es nicht möglich macht, diesen Sieg jemand anderem, sich selbst, einem Helden zuzuschreiben. Geheiligt werde DEIN Name. Ohne Zweifel.

"Gib dich zu erkennen. Zeige uns deinen Sieg!" Macht viel mehr Sinn, oder?



"Dein Reich komme" (Mt 6,10a, Elb.)

Möge dein Name, Gott, groß gemacht werden. Mögest du das Reich des Friedens errichten. Mögen deine guten Ordnungen und dein Segen dieses Land, diese Erde fluten! Möge dein Reich der Liebe und der Zuwendung alles andere verdrängen, das Reich der Finsternis zerstören.



"Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden." (Mt 6,10b Elb.)


Obwohl häufig auseinandergepflückt, gehört diese Stelle unabdingbar zusammen.

Dein Wille geschehe wie im Himmel auf Erden.


Im Himmel ist Gottes Wille niemals in Frage gestellt. "Alles hört auf sein Kommando", sozusagen. Nichts und niemand opponiert oder macht"sein eigenes Ding"- und die letzten, die es taten, wurden des Himmels verwiesen. Alle...drei. Die Schlange, Adam und Eva. Alles geschieht durchdrungen von Gottes Ordnungen und Willen. Es ist totales Vertrauen, und niemand kommt auf die Idee, seinen Willen infrage zu stellen, zu unterminieren oder umzudeuten.


"Möge dein Wille genauso auf Erden gelebt werden, wie er im Himmel gelebt wird. Mögen wir in deinen Wegen wandeln, mögen wir deine Liebe leben, und uns willig führen lassen."



Das ist der erste Teil der Bitten. Dann geschieht ein Fokuswechsel:

Es geht um- uns.

Das ist total wichtig- denn das wird oft überlesen in einer Zeit des Individualismus und der Selbstzentriertheit. UNS- es bedeutet: ALLE, die zu dir gehören. Es ist ein Ausdruck der Zugehörigkeit, und es geht hier nicht um mich allein, sondern um alle, die zu Gott gehören- weltweit. Sicher, ich bin Teil des Ganzen, und als solches bin ich gesehen, und mit Namen bekannt, das heißt: Gott übersieht mich nicht! Aber...es geht um Gemeinschaft, teilen, Einheit unter uns allen.


Das Schöne am Vater unser ist: Die Bitten, die jetzt kommen: Sie decken jede einzelne Bitte ab, die ein Gläubiger sprechen kann. Sprichst du das Vater unser, und bist du dir dessen bewusst, beziehst du alle Bitten, die an dich herangetragen werden, mit ein:



"Unser tägliches Brot gib uns heute" (Mt 6,11a Elb.)

Diese Textstelle ist gar nicht so eindeutig, wie wir sie lesen.

Die Übersetzungen von "heute" schwanken sehr und werden heiß diskutiert. Es gibt die Übersetzungsmöglichkeit, "Das Brot, das nie ausgeht"- was ein Verweis wäre auf das Mehl und das Öl, das niemals ausgeht, die Brotvermehrung, die immerwährende Versorgung. Gott ist nicht geizig!

Brot- es ist essentiell und im Nahen Osten so heilig, so wertvoll, dass auf dem Boden landende Brotstücke eingesammelt und auf Mauern gelegt werden, damit, sollte jemand hungrig sein, er es essen kann. Brot ist Teil jeder Mahlzeit, es wird genommen, um Teller und Schüsseln auszuwischen, es nährt, es ist immer präsent.


Gib uns allen, all deinen Kindern, das Brot, das niemals ausgeht- weltlich: Versorge uns mit dem, was wir brauchen, um zu leben, geistlich: Nähre uns mit deinen Worten, bis wir satt sind, spirituell: Gib uns den Leib Christi, damit wir Einheit mit dir haben können.



"und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben" (Mt 6,12 Elb.)

Wir alle versagen so oft: Wir geben nicht das Gute, das wir geben könnten- aus Angst, Stolz, aus Arroganz, Wut, aus Bitterkeit, Gier, aus Mangelbewusstsein heraus. Wir sind nicht gut im Teilen- und so versündigen wir uns aneinander.

Unsre Kontrollmechanismen und Schutzmauern- oft sind sie gebaut aus Stacheldraht und wir verteilen Stromschläge statt Liebe, wir attackieren, wir sind unbedacht grausam, wir verletzten einander, verurteilen einander, anstatt uns zu erheben, zu nähren und zu tragen. Unsre Waffen sind scharf- und Vergebung brauchen wir alle, so wir wir täglich vergeben müssen, wo wir andere verletzten oder das Gute, das in unsren Händen liegt, nicht taten. Unsre Schuld: Unser aller Schuld.


"Lass Schuld vergeben sein, Padre. Wir haben allen vergeben, die an uns schuldig wurden, damit du uns vergeben kannst. "



"und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns von dem Bösen! (Mt 6,13 Elb.)"


Auch hier brauchte es für mich einen Aspekt, der es klarer macht, deutlicher macht:

Denn Gott- er führt nicht in Versuchung!


Aber ein guter Hirte, er führt nicht ins Verderben. Führe uns sicher! "Und wenn ich schon wanderte im Tal des Todesschattens" (Psalm 23)

Sei uns treu! Geh uns sicher voraus! Erlöse und errette uns von dem Bösen! Vertreibe ihn mit deinem Hirtenstab, mit deiner Waffe, denn wir selbst können uns nicht verteidigen!

Es ist ein Anrufen des Guten Hirtens, das wir hier finden, der uns leitet, führt, verteidigt, sichert und auch auf schwierigen Wegen beschützt.

Führe uns sicher, Herr!



"Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit. In Ewigkeit! Amen." (Zusatz, später.)


Denn wir bekennen dich! Denn wir erheben dich! Denn wir glauben an dich! Wir glauben, dass du ewiger Herrscher bist, dass du derjenige bist, der die Kraft ist, und der wunderbar ist! Schön, freundlich, oder, um es salopp zu sagen: Dass du es bist, der es einfach..draufhat.


Amen. So sei es, und das bestätigen wir zurück.



Nein, outdated kann ich ein solches Gebet nicht finden. Es deckt tatsächlich alles ab. Den Lobpreis, den Willen, in Gottes Reich zu leben, weltliche, geistliche und spirituelle Versorgung, Sündenvergebung und Gnade, rechte Führung und Gott, der für uns kämpft.


Also, wenn dir die Worte gänzlich fehlen: Bete das Vater unser. Leiere es nicht herunter, sondern erkenne die Schönheit, Tragweite und alles, was du durch diese Worte vor den Vater bringst, in einem einzigen Aufschrei:


"Oh! Oh....Abba."


Seid gesegnet,

Sibylle/Zionstochter.


Quellen:

Die Bibel, Matthäus 6, 9 ff, Psalm 23, u.a. Elberfelder Übersetzung, hier zitiert nach: www.bibleserver.com

Kenneth E. Bailey (Hrsg): The Good shepherd. A thousand-year journey from Psalm 23 to the New Testament, SPCK,2015.

Kenneth E. Bailey (Hrsg): Jesus war kein Europäer. Die Kultur des Nahen Ostens und die Lebenswelt der Evangelien, SCM Brockhaus 2018, S.109-122.

Foto: Pixabay

Worship: Daily Bread (Official Lyric Video) - P&W Collective

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