• sibyllezion

Scham und Verstecken- die Macht der Sünde. Sündenbekenntnis und die Angst vor Strafe





" Siehe, ein König wird in Gerechtigkeit regieren; und die Obersten, sie werden nach Recht herrschen[1].
2 Und jeder wird sein wie ein Bergungsort vor dem Wind und ein Schutz vor dem Wolkenbruch, wie Wasserbäche in dürrer Gegend, wie der Schatten eines gewaltigen Felsens im lechzenden Land.
3 Da werden die Augen der Sehenden nicht ⟨mehr⟩ verklebt sein[2], und die Ohren der Hörenden werden aufmerksam sein.
4 Und das Herz der Unbesonnenen wird auf Erkenntnis achtgeben, und die Zunge der Stammelnden wird fließend Deutliches reden." 
(Jesaja 32,1ff, Elberfelder)



Meine lieben Freunde,


Ich war ein sonniges Kind. Ein strahlendes, liebevolles Kind, das früh die Gegenwart Gottes fühlen konnte. Aber- ich war auch ein Kind, das in relativer Armut groß wurde. Relativ deshalb, weil Armut immer eine gesellschaftliche Definition hat. Ich hatte zu essen, wenn auch der Tisch nicht reich gedeckt war. Ich hatte etwas zum Spielen, aber keine niedlichen Kindermöbel, in denen- sauber und akkurat- die schönsten Puppen aufgereiht waren, sondern...Pappkartons mit alten, gebrauchten Spielsachen. Ich hatte Kleidung, verlängert, verwaschen, selbstgenäht. Oft sah ich meine Mutter weinen- wenn mein Vater unterwegs war, auf Montage, und ihr die Bank mitteilte, er habe das letzte Geld abgehoben, man könne ihr nichts geben. Hilflos war sie dann, zornig, resigniert- mit fünf Kindern alleingelassen, die alle Hunger hatten.

Nicht weit entfernt lebte die engste Gefährtin meiner Kindertage. Meine Kusine war ein Jahr jünger, doch ihr Lachen klang genauso wie meines. Die Ähnlichkeit war so frappierend, dass wir für Zwillinge gehalten wurden. Doch eines unterschied uns: Sie lebte versorgt. Sie war die einzige Tochter, die Prinzessin. Und sie hatte alles, wovon meine Kinderseele träumte: Dicke, flauschige Teppiche. Hübsche rosa Haarspangen. Unzählige Kinderkassetten mit Märchen. Und...eine echte, elektrische Duploeisenbahn.


Oft war ich bei ihr über Nacht. Ich erinnere mich, dass ich diese Fürsorge nicht kannte: Wir wurden gebadet in überschäumenden Schaumbädern, in angewärmte Morgenmäntel gewickelt, bekamen kleine, liebevoll zubereitete Häppchen zum Abendbrot, während wir das Sandmännchen schauten.

Das, was ein kleiner Segen war, wurde bald zum Albtraum. Meine Kusine war wie ein Spiegelbild meiner Selbst, wie eine Botschaft, dass sie besser war. In ihr sah ich,was ich nicht hatte. Also begann ich, es auch haben zu wollen, trotzig, traurig, beanspruchend- und schließlich begann ich heimlich zu stehlen.


Ich erinnere mich gut an die Schuldgefühle, die mich befielen. Die Selbstrechtfertigung, dass ich nur etwas von ihrem Überfluss nahm. Dass sie es nicht einmal bemerken würde. Wir finden für Fehlverhalten, für Sünde immer tausend Ausreden. "Es ist doch nicht so schlimm, schau doch- sie hat doch alles. Man kauft es ihr doch eh neu" wisperte die leise Stimme der Verführung in mein Ohr. Mahnend stand mir Jesus vor Augen. "Nicht. Nein, Kind." Und doch- der Drang der Selbstversorgung, der Neid, das Gefühl des Begehrens war stärker als die Erkenntnis der Wahrheit.


Das Verhalten hatte Konsequenzen. Ich begann, zu behaupten, die Dinge seien "ausgeliehen" - etwas, dem meine vierjährige Kusine selbstredend nicht zustimmte. Sie verlieh nichts. Es waren ihre Sachen. Ich begann zu lügen. An dem Tag, an dem meine Tante die Übernachtungstasche vor mir auskippte und alles, was ich heimlich eingesteckt hatte, herauspurzelte, überfiel mich tiefste Scham. Ich verlor meine Kusine, und gab mir die Schuld. Dass der Grund des Kontaktabbruchs ein anderer war als mein falsches Verhalten, sagte mir keiner. Sie hatte gesehen, wie ich in Dunkelheit fiel. Es war Mitleid, aber auch der Schutz des eigenen Kindes vor immer düsterer werdenden Familienverhältnissen, was sie veranlasste, den Kontakt abzubrechen. Mein Verhalten war es nicht. Abhilfe jedoch...leistete sie nicht.


Lange Zeit schleppte ich dieses Geheimnis mit mir herum. Es war eine Kombination aus Verlorensein und Selbstverurteilung, die immer größer wurde. Ich erinnere mich an innere Debatten mit Jesus, den Versuch, es zu rechtfertigen, doch er ließ es nicht zu. Nein, es war der falsche Weg, so sehr er mich liebte. Und die Verzweiflung verstrickte mich, führte mich in Isolation und Traurigkeit. Meine Mutter wusste davon- nichts.


Es dauerte drei Jahre, bis ich zu ihr kam.

Ich erinnere mich an den Abend, an dem die Last zu groß wurde. Ich war krank, wir waren verreist. Und stockend und unter Tränen, mit hohem Fieber befreite ich meine Seele von der Schuld, der Scham und der Sünde, die mich gefangenhielten.

Was hatte mich so lange davon abgehalten, mich zu offenbaren? Mangelndes Vertrauen?

Nein, es war die Angst vor Strafe. Es war die Angst vor Verdammnis. Es war die Angst, abgeurteilt zu werden und meine tiefste Angst bestätigt zu sehen: Dass ich böse war, unwert, weniger wert als meine Kusine. Nicht liebenswert.

Meine Mutter war großartig. Sie hörte sich an, was ich zu sagen hatte. Ja, sie war enttäuscht. Ja, sie war erschüttert, und sicher sah sie auch, wie sehr ich gelitten haben musste unter Mangel und Eifersucht. Anstatt mich zu bestrafen, nahm sie mich in den Arm, erklärte, tröstete und endete mit der Aussage, dass ich nun gelernt habe, was daraus entstehe. Sie zeigte mir, dass sie mich liebte, und damit öffnete sie die Tür zurück in die Liebe, auf den rechten Weg.


Angst vor Strafe.


Fehlverhalten, Sünde im biblischen Sinne, Rebellion. Verletzendes Verhalten, falsche Wege- ja, konfrontiert mit solchem Verhalten reagieren wir frustriert, ärgerlich, zornig, enttäuscht. "Das habe ich nicht von dir erwartet!" ist die emotionale Ohrfeige. Für viele folgt in der Erinnerung eine Phase von Liebesentzug, bittere Bestrafung. "Konsequenz, Wiedergutmachung" wird diese harsche Vorgehensweise genannt, die häufig auf die Selbstoffenbarung folgt. Selten, sehr selten hört man, dass Eltern, Freunde, Gechwister auf eine solche Offenbarung mit "Ich liebe dich, aber ich brauch jetzt einen Moment, um das zu verdauen" reagieren, oder gar mit Verständnis, Gnade, Vergebung. Doch was tut eigentlich jemand, der sich anvertraut?


Nun, man öffnet sein Herz in den verletztlichsten Punkten, nicht? Man zeigt, dass man nicht perfekt ist. Würde man von einer Katze sprechen, dann würde sie zulassen, dass man den Bauch krault. "Ich liefere mich dir aus. Ich gestehe ein, dass ich mich falsch verhalten habe. Verzeih mir".

Es ist schlimm, sehr schlimm, dass die Reaktion des Gegenübers auf diese Verletzlichkeit für uns verbunden ist mit der Erwartung von Härte, Ablehnung, Konsequenz, Strafe, Ausschluss und weiterer Beschuldigung. Für einige geht dieses mutige Sich- Anvertrauen einher mit der Erinnerung an Ohrfeigen,Prügel, Gewalt.

Oft, nicht immer ist es der Vater, der Verachtung und Gewalt über eine kleine Kinderseele ausgeschüttet hat- als Antwort auf echtes Fehlverhalten, als Antwort auch auf unerwünschtes Verhalten- empfunden als Antwort auf sich selbst, auf alles, was man ist.


Wir müssen ehrlich sein- das prägt. Und ja, es überträgt sich auf unsren himmlischen Vater.


Gewalterfahrungen und das Gefühl, etwas unwiderruflich zerstört zu haben, endgültig in Ungnade gefallen zu sein sind vernichtend für uns. Existenzielle Bedrohung. Was daraus entsteht, sind Spiralen des Verbergens. Des heimlichen Sündigens. Des heimlichen Fallens. Des Versteckens und der Scham. Sünde, die offenkundig wird, wie ein Alkoholproblem, das nicht länger verborgen wird, eine verheimlichte Affaire, die aufgeflogen ist, eine Pornosucht, die an die Öffentlichkeit geraten ist- oder eine außereheliche Schwangerschaft sind quasi gefundenes Fressen für Sittenwächter und Moralapostel. Wir erwarten Verurteilung- und leider ist der moralische Druck in Gemeinden oft so hoch, dass der Einzelne damit allein bleibt und immer weiter weg von Gemeinschaft und auch Gott getrieben wird- als schlechtes, gefallenes Beispiel dient und als Bestätigung der eigenen Selbstherrlichkeit. Hinter diese Sünde, wisst ihr, liegt jedoch eine Sehnsucht. Ein Kummer, eine Einsamkeit.


Ich habe bewusst diese (wahre) Geschichte gewählt. Ich war fünf Jahre alt, und die Zwiespältigkeit wird im ein oder anderen Leser sofort aufflammen. "Aber du hattest ja auch nichts! Da war ein Mangel! Warum hat denn keiner diese Not gesehen und Abhilfe geschaffen? Warum hat deine Tante nicht einfach zwei Kleidchen, zwei paar Haarspangen gekauft?" Eine gute Frage, meine Freunde.

Doch es ist auch Sünde, nicht wahr? Und wir sehen deutlich, wohin Sünde führt. In Selbstverschlossenheit, Dunkelheit, Selbstanklage und Schaden- für sich selbst und andere.


In den letzten Tagen habe ich vermehrt über den moralischen Anspruch in unsren Gemeinden nachgedacht. Es ist richtig, dass Christen in ihrer Untadelligkeit einen Unterschied machen sollen. Es ist aber auch richtig, dass wir alle fallen, alle uns verstricken können und das Maß des Verstehens und Verständnisses für den anderen doch häufig aufgeblasenen Egos und Lieblosigkeit zum Opfer fallen. "Wahrheit ohne Liebe ist Härte" , heißt es, und im 1. Korintherbrief 13 werden wir gemahnt, dass wir alle himmlischen Segnungen haben können, dass sie aber ohne Liebe nichts wert sind. Der Ruf zur Umkehr und Buße hallt mit solcher unerbittlichen Härte durch die Gemeinden, mit solch einem aggressiven Bestrafungsgedanken, dass einem himmelangst werden kann. Mit Fingern wird auf Fehlverhalten gedeutet, vermeintliche Sünde mit Bibelstellen belegt, Druck aufgebaut, nun doch endlich die Norm wieder zu erfüllen. Jeder maßt sich das Recht an, den anderen zu verurteilen. Nach den Hintergründen, nach der Not der Seele wird dabei selten gefragt. Dies würde eine Involviertsein und eine Auseinandersetzung mit dem Gegenüber bedeuten, die dann zu mühselig erscheint.


Jesus ist anders. Und wir, die wir seinen Geist erhalten haben, sollten einen deutlichen Unterschied machen.

Wir sollten Menschen sein, denen man sich anvertrauen kann. Die nicht verurteilen, sondern die Tür öffnen. Vielleicht müssen wir durchatmen. Ruhig werden. Sünde ist immer hässlich. Doch wisst ihr, darum geht es bei der Gnade- dafür ist Jesus gestorben. Und wir sollten einander nicht wie Sündenböcke durch das Dorf treiben noch krampfhaft den Fehler im anderen suchen- denn dann ist Jesus umsonst gestorben.

Und seid euch sicher- jeder, der den Heiligen Geist hat, fühlt echte Sünde wie eine zerfressende Dunkelheit- und sucht jemanden, dem er sich anvertrauen kann. Ohne Verurteilung. Es ist nicht nötig, jede falsche Einschätzung, jede eigene moralische Meinung übereifrig wie Feuerpfeile auf ihn zu richten.

Denn der Heilige Geist überführt, klärt und lehrt zu seiner Zeit.


In Liebe,

Sibylle.













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