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Unverbunden- Einsamkeit in Gemeinden.




Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. ( 1. Johannes 4,7)


Meine lieben Freunde, liebe Frauen Gottes,


Vor langer Zeit dachte ich viel über ein Bild nach. Es kam immer wieder, und es war begleitet von einem Schmunzeln: "25000 importierte italienische Glühbirnen"* hallte es wider in mir.


Es war in der Tat ein Bild von unbeschreiblicher Schönheit:


Unendlich viele kleine Lichter, verteilt über den ganzen Globus. Sie blitzten überall auf, und sie waren verbunden miteinander. Sie waren alle an ihrem Ort, dort, wo sie hingehörten, und doch funktionierten sie nur gemeinsam. In der Tat ist es so, dass, wenn bei einer Lichterkette eine Birne kaputt geht, die ganze Kette ausfällt.


Es ist ein Bild, das mich stark an 1. Korinther 12 erinnert, ein moderneres Gleichnis als das, was Paulus verwendete, wenn er über die verschiedenen Glieder des Körpers schrieb und sagte, dass die Hand nicht ohne den Fuß, das Herz nicht ohne den Arm auskommen kann, sondern dass alles zusammengehört- gemeinsam zum Haupt, zum Kopf, zur Quelle hinstrebend: Zu Jesus, dem Haupt der Gemeinde.


Das Bild war begleitet davon, dass sich die Lichter gegenseitig tragen, gegenseitig ermutigen, gegenseitig stärken und sich ihr jeweiliges Licht nicht neiden. Nein, eine Lichterkette wird erst dann erstrahlen, wenn sie wirklich gleichmäßig scheint, angetrieben von derselben Kraftquelle: Dem Heiligen Geist, in dem wir alle verbunden sind.

Und dennoch ist es so, dass viele in Gemeinden sich einsam und ungesehen fühlen.


Unverbunden- das Wort fiel vor kurzem in einem Podcast, in dem von den Gemeindeerfahrungen in Deutschland berichtet wurde- und ich dachte: Yep, bingo, das ist es.


Wir sind unverbunden. Nebeneinander her erfüllen wir in Gemeinden die Rolle des guten Christen. Wirkliche Begegnung entfällt oft. Ich habe heute halb schmunzelnd, halb stirnrunzelnd die Geschichte meiner ersten Freikirchen-Erfahrung geschildert:


Nach einem fröhlichen Begrüßungspaket mit Taschenbibel, Zahnbürste und Gummibärchen passierte - nichts mehr. Keine Einladung zum Hauskreis, keine Patenschaften. Keine Einführung in die Gemeinde. Keine Neugierde, wer ich denn sei. Kein Fragen, kein Eingebunden werden. Ich war halt da. Ich hätte auch nicht da sein können- es hätte keine Rolle gespielt. Die Gemeinde hatte weit über 100 Mitglieder, aber niemand band ein, lud ein, ging mir nach. Das einzige, was ich sehr schnell lernte war, dass hier nur Frauen mit Frauen beteten und Männer mit Männern. Dankeschön. Ich hätte wirklich gerne mal nachgefragt, was der Prediger da berichtete. Es war wichtig, aber der Weg wurde mir versperrt, "weil er verheiratet war", was mich fürchterlich irritierte und recht sprachlos hinterließ. Ein normaler Austausch als Flirtversuch? Oha.


Und was ich auch erfuhr, war, dass ich meine Braidzöpfe besser rausmachte, weil ich sonst des Satans war. Diejenigen, die mich ermahnten, wussten nicht mal, wo ich wohnte. Aber dass ich Gefahr lief, dem Satan in die Arme zu rennen, DAS wussten sie.


Für viele ist das normaler Gemeindealltag, und es ist entsetzlich. Es ist entsetzlich, wenn man das Gefühl hat, mit allem, was man ist, einfach draußen bleiben zu müssen. Wenn es keinerlei Nachfragen oder Interesse an der Person hinter dem sonntäglich gut gekleideten Erscheinungsbild gibt. Oft ist es so, dass am Anfang das sogenannte Love bombing läuft: "Hey, schön, dass du da bist!" ...und schon beim zweiten Male das Interesse erlischt. Man steht dann da, mit seinem Kaffee in der Hand, recht verloren und versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Seufzt erleichtert auf, wenn ein Lobpreislied gespielt wird, das man kennt. Wenn man den Weg zum Kaffee auch findet, ohne dass jemand einen einlädt, und der Ehemann auch noch da ist. Nicht allein, nicht isoliert. Zurück...kommt man selten.


Mein Sohn kam vor nicht allzu langer Zeit völlig verstört aus dem dritten Kindergottesdienst in Folge in derselben Gemeinde. Er sagte, sie nannten ihn nur "der da. " Der da. Sein Name ist Aaron, und eigentlich sollte man meinen, dass ein solcher Name in einer Gemeinde recht geläufig ist. Der da.


Ja, das Interesse aneinander hält sich in Grenzen, ist nicht wirklich tiefgreifend, und vielleicht ist es auch so, dass man voneinander erwartet, dass man sich eben einbringt. Aber einladend, willkommen heißend, Interesse bekundend- ist ein solches Verhalten nicht. Und wenn man sich nicht gesehen fühlt, dann bleibt man nicht. Es ist wie auf einer anonymen Veranstaltung zu sein, wo sich einzelne in Gruppen zusammenschließen, und man als Neuer erst einmal kritisch beäugt wird. Vielleicht bringt die einen falschen Spirit rein? Vielleicht gar keine richtige Christin?


Wer auf eine solche Mauer der Ablehnung und des Misstrauens stößt, der Gleichgültigkeit und des fehlenden Interesses, oftmals als "Freiheit" deklariert und weißgewaschen, zieht sich zurück. Nein, Gemeinschaft in Jesus ist anders, ist freier, ist wärmer und ist vor allem nicht geprägt von einem Rollenspiel, sondern von einem tiefen Verständnis einer gemeinsamen Identität.


Einsamkeit ist das Resultat. Das kritische Beäugen führt allzu schnell zu schlechten Gefühlen. Hab ich da eine Nudel im Gesicht? Ist mein Rock zu kurz? Hab ich da was?

Man fühlt das Abchecken, das kategorisieren und fühlt sich wie ein Eindringling:

Wie ein Störfaktor, irgendwie. Und allzu schnell bekommt man dann gesagt, was man alles braucht: Die Gemeinde als Korrektiv. Geistliche Leiterschaft. So, wie du bist. So, wie du auftrittst. So, wie du aussiehst.


Viele von denen, die in Gemeinden neu hineinkommen, haben einen langen Weg mit Jesus hinter sich und eine lebendige Beziehung zum Herrn der Herren. Sie werden gnadenlos auf die Lernbank gezwängt, damit sie erstmal den Herrn und die Gemeinderegeln kennenlernen, und viele, viele reagieren ( zu Recht!) mit Unwillen und Unverständnis. Nein, ich muss den Herrn nicht erst mal kennenlernen, nach 43 Jahren mit ihm. Nein, ich brauche keinen Alpha Kurs, ich kenne die Bibel inzwischen recht gut. Nein, man muss auch keinen falschen Geist austreiben, ich brauche auch kein Korrektiv, weil ich so verwildert bin, was ich möchte, sind einfach Leute, mit denen ich teilen kann. Mit denen ich über Jesus reden kann. Mit denen ich lachen, essen, beten kann. Und vielleicht, nach einer Weile, wenn wir uns besser kennen, wenn ich echtes Interesse sehe, erzähle ich auch mal, wo ich hänge. Was mir nicht so leicht fällt.

Wenn ich möchte, und mein Gegenüber mir zuhört, in Liebe, mit Freude über mich. Und nicht mit dem Korrektivstab in der einen und dem Spendenhut in der anderen Hand.


Wisst ihr, ich glaube, viel von diesem Unverbundensein hat damit zu tun, dass wir als Christen glauben, eine Rolle erfüllen zu müssen, wenn wir Christen sind. Damit, dass wir verkrampft Jesus zu einer ernsten Sache erklären, um zu betonen, dass wir hier nicht halbe Sache machen. Es hat damit zu tun, dass wir außerhalb von Jesus krampfhaft unser eigenes Leben abschotten, als wäre Christsein nicht unsre Identität, sondern eben eine öffentliche Rolle wie das, was wir auf der Arbeit von uns zeigen.

Und so bleiben wir uns fremd. Wir sollen in Hauskreisen unsre Hosen runterlassen, über intimste Konflikte- aber die Lieblingsfarbe des anderen spielt keine Rolle. Wir sollen über unsre Fehler Rechenschaft ablegen, jede Kritik schlucken und jeder Beurteilung von außen zustimmen, aber in Wirklichkeit kennt das Gegenüber nicht einmal unsre Bekehrungsgeschichte, unsre Anekdoten, unsren Humor- und eigentlich interessiert all das auch nicht.


Status Quo- Uniformität gibt es aber bei Jesus nicht. Jesus repräsentiert den Vater, der von sich sagt, er sei in der Schöpfung für jedermann erkennbar. Und wisst ihr, diese Schöpfung ist wild. bunt, kreativ, überfließend, wunderschön und vielfältig. Voller Kontraste, Voller Wunder, Kraft, Zärtlichkeit und einer Farbenvielfalt, die blendend ist. Sie ist ruhmreich, reich, perfekt, detailverliebt. Und so sind wir. Jeder einzelne ein Ausdruck dieses Schöpfergottes, ihm zugeordnet in aller Unterschiedlichkeit. Wenn wir uns nicht lernen anzusehen, uns aneinander zu erfreuen, an unseren Geschichten, an unseren Erfahrungen mit Jesus, unsren Zeugnissen, unsrer Liebe zu einem gemeinsamen Herrn, wenn wir uns nicht wirklich begegnen, dann bleibt der Segen aus. Und dann stehen wir wohl Seite an Seite in den Bänken- aber wirklich sehen...tun wir uns nicht.


Und manch einer wird nicht nur einsam, sondern verletzt beschließen, dass spazierengehen mit Jesus allein- wenigstens nicht so wehtut.


Mögen wir beginnen, uns zu sehen. Uns die Hände zu reichen. Und wenn jemand nicht mehr in die Gemeinde kommt- dann fragt doch mal nach ihr. Sagt, dass es schön wäre, wenn sie wiederkäme. Wenn ihr ihren Namen noch kennt. Denn die da...gibt es nicht.

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